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Bildende Kunst der Gegenwart : (Gruppe XXV) ; Bericht / von Josef Bayer und Josef Langl
Entstehung
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Dr. Jofef Bayer.

aufzufuchen haben, da auch die Meiften derjenigen, die wieder in der Heimath thätig find, von dort ihre Kunftbildung herleiten.

Wir wären nun mit der rückblickenden Umfchau in der Kunfthalle der Weltausftellung fo ziemlich zu Rande, fo weit wir da ins Volle greifen konnten und die nöthigen Anhaltspunkte zu einer inftructiven Gruppirung der Kunft­erfcheinungen, zu einer vom Einzelnen ins Allgemeine hinübergeführten Betrach­tung fich uns ergaben. Das blos Vereinzelte und Zerftreute, das fich nicht zum Gefammtbilde eines beftimmten Kunftzuftandes in deutlich erkennbare Bezie­hung bringen liefs, lag aufser der Aufgabe diefer Befprechung. So auch z. B. die Bilder, die im fpanifchen Pavillon in wahllofer Zufammenftellung ver einigt waren.

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Neben einigen gröfseren Sachen von höherer künftlerifcher Richtung überwog da entfchieden die kleinere Bilderbagatelle, zum Theile von verdächtigſtem dilettantifchen Ausfehen. Manche Bilder, wie Mercada's" Tod des heiligen Franz von Affifi", ein Seneca, nachdem er fich die Adern geöffnet" von Domin guez, Johanna die Wahnfinnige" von Valles etc., dazu einige tüchtige Archi­tekturen würden nähere Betrachtung verdienen; da mir aber die letzte Parifer Weltausftellung fremd blieb, wo fich die Spanier angeblich beffer präfentirt haben follen, ich auch fonft nie eine gröfsere Anzahl von modern- fpanifchen Werken beifammen gefehen habe, fo weifs ich in der That nicht Befcheid, in welchem Kunftzufammenhange da auch das wenige Beffere fteht. Dagegen könnte die artifti­fche Verwilderung, die bedenkliche Zuchtlofigkeit in der Wahl der Motive, im Vortrage und der Technik, wie fie fich in den kleinen Genrebildern von der Strafse und aus dem Volksleben, in den Landfchaften und Stillleben kundgab, zu ganz unerfreulichen Schlüffen über den gegenwärtigen Kunftzuftand in Spanien führen. wenn wir wirklich diefes Ausftellungsmaterial als typifch und bezeichnend anzu­fehen hätten. Griechenland zeigte fich in der Sculptur jedenfalls intereffanter und bedeutfamer, als in der Malerei; die rumänifche Bildergruppe, abfeits im Induftriepalafte, geftehe ich nicht näher beachtet zu haben. Was von Amerika herüber kam, gehört eben auch nur zu dem Vereinzelten, zu dem zufällig Ein­getroffenen; aus Brafilien war nur ein, hiftorifches Gemälde aus dem Kriege mit Paraguay" da, ein roh hingeworfenes, tapetenartiges Bataillenbild; immerhin ein merkwürdiges Exempel, wohin eine ganz ifolirte Kunft gelangen mag. Aus Nordamerika gab es etwa ein Dutzend Gemälde auf der Ausstellung. M. Waterman aus dem Staate Rhode Island hat einen ,, Gulliver in Lilliput" grofs gemalt; es ift diefs ein Stoff, der, wie alles Phantaftifche der Art, wohl dem Aquarell, nicht aber dem Oelbilde zuzuweifen ift. Das Bemerkenswerthefte, was die Kunfthalle von amerikaniſcher Kunft aufzeigte, waren wohl die Landfchafts­bilder von Albert Bierstadt in New- York im Centralfaale:" Der Smaragdteich in den weifsen Bergen von New Hampfhire" und noch eine zweite grofse Land­fchaft aus Amerika. Bei einem gewiffen profpectartigen, beinahe decorations­artigen Ausfehen imponirten diefe Bilder durch eine grofse Scenerie und eine umfaffende Weite der landfchaftlichen Anfchauung.

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Ich fchliefse nun diefen Bericht, nicht ohne die Beforgnifs, dafs bei der verspäteten Abfaffung desfelben und meiner nicht eben vollständigen Orientirung in Kunftfachen fich manche Irrthümer im Detail eingefunden haben dürften, die der kundige Lefer berichtigen und entfchuldigen mag. Vielleicht wird er aber wenigftens mein redliches Beftreben wahrnehmen, einer nicht frei gewählten Auf­gabe nach Möglichkeit gerecht zu werden, und überall doch die Hauptlinien der gegenwärtigen Kunftentwicklung nachzuziehen, foweit ich fie wie in punktir. ten Andeutungen in dem überreichen Bildervorrathe der Ausftellung wahrzuneh­men glaubte.