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Bildende Kunst der Gegenwart : (Gruppe XXV) ; Bericht / von Josef Bayer und Josef Langl
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Die Sculptur.

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fich in den Praterauen vollzog, die bevorzugtefte Rolle spielen follen, die fchönfte Schale hätte den edelften Kern erwarten follen; denn weitaus mehr als die Malerei bedarf das plaftifche Werk einer ftimmungsvollen Umgebung und einer wirkungsvollen Beleuchtung, da ja nur Formen fprechen und in der Linien­fchönheit allein die Intention des Künftlers zum Ausdrucke gelangt; in diefem Punkte ift denn die Sculptur auf der Weltausftellung 1873 übel weggekommen. Für alles Andere fand der Befuchende zweckmässige Räume, Pavillons etc., nur der Plaftik war kein Plätzchen gewidmet, wo fie fich im Zuſammenhange hätte entfalten können und ihre Werthfchaft zur Geltung gekommen wäre. Vieles von ganz Bedeutendem ging dem Gros des Publicums dadurch verloren und ſpielten plaftifche Kunftwerke überhaupt mehr die Rolle des Decorativen, als die einer felbftändigen Bedeutung auf der Weltausftellung. Die Marmorarbeiten der Italiener fand man in der Induftriehalle an allen Ecken und Enden bei äufserft zerftreuendem Hintergrunde und in meift ganz wirkungslofer Beleuchtung. Die wichtigften Werke der Franzofen waren in den Sälen der Malerei in der Kunft­halle untergebracht, wo fie vielfach total vom Oberlichte gefchlagen wurden und überdiefs durch Goldrahmen und Farben im Hintergrunde jeder ruhigen Betrach­tung entzogen waren. Die beften Gegenftände, die überhaupt von der deutfchen Plaftik fich vorfanden, waren vor dem Weft- und Südeingange poftirt, wo fie den aus- und einwogenden Maffen nur im Wege ftanden und den Tag über Sonnen­licht hatten.

Nur Weniges der öfterreichifchen und fchweizerifchen Plaftik war in den öftlichen kleinen Nebenfälen der Kunfthalle einigermafsen geniefsbar placirt

Ganz verloren gingen begreiflicherweife die Bildwerke, welche in dem eigenthümlichen Clair- obscur der Rotunde fich der Welt zu präfentiren hatten. Es war zu bedauern, dafs, während gerade in der Gegenwart die Träger des Humanismus am regften daran arbeiten, den Kunftfinn im Volke durch Mufeen, Sammlungen, Schulen etc. wieder zu beleben, es in der Ausftellung im Prater verfäumt wurde, darin anregend zum Verftändniffe des Schönen in der Form zu wirken, was doch mit wenig Mitteln hätte bewerkstelligt werden können. Werden doch, feit die Malerei fich vollends dem Realismus zugewendet hat und in den Seelenfchilderungen ihre Triumphe feiert, leider die Sympathien für die Plaftik im Publicum immer geringer und noch immer läfst eine Erziehung des Geiftes für das Edle im Raume an unferen humaniftifchen Bildungsanftalten auf fich warten; Perikles wird noch immer ohne Phidias in der Gefchichte gefchildert, das XV. und XVI Jahrhundert tradirt, ohne nur die Namen zu erwähnen, die für alle Zeiten mit goldenen Lettern in der Kunft- und Culturgefchichte prangen, unvergänglicher als manche Heldenfcala, mit der das Gedächtnifs unferer Gym­nafiaften gequält wird.

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Rückblick.

Wenn die Griechen die Formen der Natur unbewufst nach gewiffen Gefetzen in eine ftrengere Tektonik fetzten und darin ihre Götterideale zu perfoni­ficiren fuchten, fo folgten fie wohl zunächft dem Geifte ihrer Mythen, in welchen ja nach ähnlichen Gefetzen das Reale ins Wunderbare, Uebernatürliche umgefetzt erfcheint als Potenz des wahrgenommenen Schönen. Auch als das philofophifche Denken fich gegen das leere Dahinleben in den hergebrachten Vorftellungen auflehnte, als dem vorgefchrittenen Bewufstfein in der Kunft Befriedigung gefchaffen werden musste und Phidias in vollfter Freiheit feine Geftalten in Marmor fchuf, blieben es noch beftimmte tektonifche Normen, nach denen die Naturformen höher geftimmt wurden, als fie das Leben begegnen liefs. Dem Geheimnifsvollen der menfchlichen Natur wurde in der Erfcheinung nicht näher zu treten verfucht; fremd blieb der Kunft noch die Scala feelifcher Affecte und das Kunftwerk hielt fich in feiner Bedeutung noch rein auf der Stufe der

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