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Jofef Langl.
Symbolik der Idee. Der olympifche Götterkreis konnte aber nicht beffer perfonificirt werden; das Volk nicht beffer in den Götterftatuen felbft geehrt fein, als wenn in denfelben jede Individualität verläugnet und die Kunft zum Ausdrucke des Gemeinwefens wurde.
Die ethifch reinen, edlen Charaktere, in welchen die Götter Griechenlands in den Gefängen Pindar's und den Dramen des Aefchylos und Sophokles auftreten, fanden in den Werken des Phidias auf den Giebeln des Parthenon ihre plaftifche Verkörperung, und wenn antike Sculpturen als Vorbild menfchlicher Hoheit für alle Zeiten zu gelten haben, fo werden es die„ Elgin marbles" fein. Wir fehen in dem Pantheon der griechifchen Göttergeftalten von dem heiteren Kinde Eros an bis zu dem Symbole männlicher Würde Zeus, von Aphrodite, der lieblichen Jungfrau, bis zur Mutter Hera, wie die griechifche Kunft wohl Altersftufen in der Geftaltung berücksichtigte, nirgends aber tritt in dem anatomifchen Relief irgend welches perfönliche Gefühl oder eine feelifche Emotion zu Tage; ein ernftes, faft wehmüthiges Lächeln fpricht überall der halbgeöffnete Mund, als ob um mit W. Schlegel zu sprechen die Götter es geahnt hätten, dafs
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ihr Reich von keiner Dauer fein werde.
Der neu auftretende chriftliche Cult verlangte jedoch fchon Seelen in feinen Geftalten; eines Menfchen Sohn ftand an der Spitze der neuen Religion und die Kunft hatte nicht mehr Symbole von Begriffen, fondern leibhafte Menfchen darzustellen, des Lebens unmittelbarfte Wahrheit. Obfchon im Katholicismus, wie er auf italienifchem Boden fich später zu entfalten begann, die kofmopolitifchen Ideen des Urhebers, des Centralmenfchen fich nicht in der Weife entwickelten, dafs die Kunft, die mit dem Volke und dem Zeitgeifte wandelte, in ihnen derart aufgehen konnte, wie auf griechifchem Boden in den Gefängen Homer's und Hefiod's, obwohl die vollſtändige Emancipirung der Kunft von der Religion vorauszusehen war, fo wirkten die Elemente diefer neuen Gedankenwelt doch fördernd auf die Anfchauungen der Natur und rückte diefe der Kunft um ein gewaltiges Stück näher.
Brachte das XV. Jahrhundert fchon in der naiven Naturna chahmung eines Lucca della Robia, Donatello und Ghiberti Geftalten, die aus der von der Antike herübergefponnenen Starrheit allmälig erwachten, fo vollzieht fich in energifcher Weife der Umfchwung mit den Koryphäen der folgenden Periode, in welcher der Kunft auch eine neue Wiffenfchaft von höchfter Bedeutung zuwächft, die von da an ihren Einflufs geltend macht: nicht mehr das Aeufserliche in feiner ftarren Leblo figkeit kann dem Künftler genügen, feine Gedanken greifen tiefer; aus dem Innern entwickelt er feine Formen, fucht ihre Begründung und ftudirt die Erfcheinungen der Phyfiognomik. Mit Marcantonio della Torre, Jac. Berengario da Carpi und vor Allem dem grofsen Vefal tritt die Anatomie als Begleiterin zur Kunft und ebnet ihr die Bahnen zur Wahrheit.
Dem leblofen, hohlen Idealismus war dadurch wohl eine Schranke geboten, aber nicht dem Manierismus, in welchem die gefammte Kunft in der Ausartung des kirchlichen und höfifchen Luxus thatfächlich für ein Jahrhundert verfiel. Die Antike ward wieder zu Hilfe gerufen, die verfahrenen Anfchauungen in das richtige Geleife zu lenken und von diefer Bafis aus die verlorenen Ziele der Renaiffance wieder aufzunehmen verfucht. Es war eine ganz eigenthümliche Periode, die des modernen Clafficismus, durch welche die Kunft fich allmälig zu ihrer Freiheit wieder emporzuringen hatte, eine Periode, in welcher fich bei den gemeinfamen Tendenzen fchon fcharf das National- Individuelle der drei Hauptvölkerfchaften ausprägte, welche zu den eigentlichen Trägern der modernen Kunft berufen waren; es find diefs die Italiener, die Deutfchen und die Franzofen.
Canova war der Erfte, der die Plaftik aus den barocken Verirrungen wieder in ihre Grenzen zurückführte und in edlerer Einfachheit den claffifchen Vorbildern nachftrebte. Gelang es ihm auch nicht, feinen Schöpfungen hohe,