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Jofef Langl.
ift, ohne in die nüchternen, akademifchen Alltagsmotive verfallen zu fein. A finger ift einer der wenigen deutſchen Bildner, die noch mit Vorliebe religiöfe Motive zur Darftellung wählen; feitdem Mayer's Kunftanftalt in München( ausgeftellt im nördlichen Hofe der Induſtrie- Abtheilung) die Kirchen fo billig mit Heiligen verforgt, hat denn freilich die eigentliche chriftliche Plaftik einen fchweren Stand, und ift es kein Wunder, wenn die begabteften Künftler, wie beifpielsweife Knabl, fchon Jahre lang faft unbefchäftigt find.
Was noch von deutfcher Sculptur ausgeftellt war, gehörte zum gröfseren Theil dem Minderbedeutenden an und bewegte fich ausfchliefslich in der ftilifirenden Richtung E. Andrefen's" Genius des Ruhmes"( Marmor, Kunfthof) und C. Schlüter's" Germane"( Wefteingang der Kunfthalle) erhoben fich nicht viel über die akademifche Actftudie; H. Schubert's Gypsgruppe" Jakob ringt mit dem Engel"( Wefteingang der Kunsthalle) mufste neben den gediegenen franzöfifchen Arbeiten doppelt fchwerfällig erfcheinen; fein jugendlicher„ Faun" war ebenfo langweilig in der Form, wie C. Steinhäufer's ,, Ophelia", die„ Loreley" von Vofs,„ die Spinnerin" von Gerhardt u. A. m.
Dafs das mechanifche Copiren der Antike noch immer einem gründlichen anatomifchen Studium vielfach von Seite der Bildhauer vorgezogen wird, ift leider die Haupturfache, dafs den Formen meift das Leben mangelt und unfere Plaftik das Publicum kalt läfst. Die Anatomie fpielt an unferen Kunftfchulen noch immer eine zu ifolirte Rolle und greift diefe hochwichtige Disciplin felten direct in das Naturftudium felbft ein. So lange die Profefforen der Anatomie nicht felbft ausübende Künftler und die Lehrer im Actfaale find, wird fich im Allgemeinen der Realismus noch immer auf fchwankendem Boden bewegen. Hie und da wird wohl ein Genie fich den Traditionen entwinden und fich in den Lehrjahren feine individuelle Anfchauung nicht erfticken laffen; wie Wenigen gelingt aber diefes? Die Antike fpielt in unferen Kunftfchulen( in der Plaftik) noch eine zu dominirende Rolle, die Anatomie gibt nicht viel mehr, als die fchematifche Topographie der Formen; auf das Pfychologiſch- Anatomifche, was freilich auch nicht an Modellen, am allerwenigften aber an der Antike ftudirt werden kann, fondern aus dem Leben felbft geholt werden mufs, dahin erftrecken fich nirgends noch die Vorlefungen. Es fei ferne, damit ausfprechen zu wollen, dafs etwa das gefammte Seelenleben des Menfchen in feinen Reflexen philofophifch analifirt werden. folle; dafs Lachen und Weinen, Hafs und Neid etc. nach gewiffen Recepten in der Kunft dargestellt werden foll oder die unbewussten Erfcheinungen nach irgend welchen Gefetzen zu regeln feien aber auf die Mittel zu den Erfcheinungen, alfo auf das Eingehen in die Urfachen der Erfcheinungen follte mehr Werth gelegt und die Formentopographie von vorne weg in diefem Sinne behandelt
werden.
Harlefs hat in feinem Werke einen kühnen Verfuch gethan, als Anatom den lebenden Menfchen zu zergliedern; Duchenne hat in intereffanter Weife die„ Symbolik der Mienen", die Räthfel des menfchlichen Antlitzes, zu enthüllen gefucht: aber noch immer fehlt den Künftlern ein fchlagfertiger Führer im Actfaal, wo bisher gröfstentheils nur die Empirie das Auge für die Beobachtung der Natur und des Lebens erzog.
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Für das Studium der Formentopographie der menfchlichen Geftalt ift von dem talentvollen Bildhauer Ch. Roth( München) aus der Ausftellung noch deffen anatomifche Figur"( Athlet) zu erwähnen, die äufserft lebendig aufgefafst, in correcter Weife das Spiel der Muskeln in ihrer Thätigkeit zeigt. Der Berichterftatter kann für die Leiftungen Ch. Roth's auf dem Gebiete der Künftleranatomie hier nur das Lob wiederholen, das er an anderer Stelle fchon einmal ausgefprochen.
* Zu vergleichen in Lützow's ,, Zeitfchrift für bildende Kunft" Nr. 35, 1873. ,, Zur plaftichen Anatomie".