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Bildende Kunst der Gegenwart : (Gruppe XXV) ; Bericht / von Josef Bayer und Josef Langl
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Die Sculptur.

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lanter Weife gehoben. Die effectvolle Gruppe war nur leider fo ungünftig( zwi­fchen zwei Fenftern) aufgeftellt, dafs fie vom Publicum nicht ihrem Werthe nach beachtet wurde.

Wir kämen zu weit ins Induftrielle, wollten wir noch dem Ausgeftellten der franzöfifchen Erzgiefser, wie Barbedienne, Durenne etc. eingehende Betrachtung widmen; es würde indefs zu keiner weiteren Charakterifirung der franzöfifchen Plaftik Anlafs geben, da wir ja dort zumeift denfelben Namen begeg­neten, die wir in den Werken der Kunfthalle kennen gelernt haben.

Die italienifche Sculptur.

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viel bewunderten und auch vielge­

Zur objectiven Beurtheilung der fchmähten modernen italienifchen Sculpturen ift es wohl nöthig, einen Blick auf die Vergangenheit zu werfen und der Verhältniffe zu gedenken, welche die Urfachen ihrer heutigen Vorzüge und Mängel in fich fchliefsen. In keinem anderen Lande können wir die Gefchichte der bildenden Kunft vom Anfange diefes Jahrtaufendes in vorhandenen Denkmälern fo genau verfolgen wie in Italien und darin einerfeits den Einflufs religiöfer und politifcher Verhältniffe, andererfeits den Kampf um den Realismus neben den antiken Traditionen beob­achten.

Wer je aus dem kühlen Norden über die Alpen nach dem gelobten Lande der Künfte hinabzog und den Herrlichkeiten der Renaiffance feine Bewunderung zollte, wird fich der Wehmuth und des Bedauerns nicht erwehren können, dafs von dem glanzvollen Anlaufe, welchen die Sculptur damals zu ihren höchften Zielen nahm, auf die Gegenwart nur ein matter Widerfchein gekommen ist, dafs die Kunft überhaupt in fich felbft zerfallen musste, ehe fie diefe Ziele erreichte, und die Urfachen der Erweckung reinerer Tendenzen auch die Urfachen zu deren Untergang waren.

In der Poefie und in der bildenden Kunft entfaltete fich der griechifche Mythenkreis; die Freiheit des Denkens nach allen Richtungen der geiftigen Bedürfniffe hielt Volk, Kunft und Religion in inniger Wechfelbeziehung und gab der Nation jene Einheit und fittliche Kraft, die wir ftets an den Hellenen bewundern.

In vielen Beziehungen geradezu entgegengefetzte Verhältniffe brachte das Chriftenthum der Kunft. Keine Idealwelt wurde den Denkern geoffenbart; fefte unwandelbare Dogmen nahmen dem Schaffen den freien Flug der Selbftftändig­keit, und war von vornweg eine Weiterentwicklung des Stoffgebietes oder eine ideale Gliederung desfelben fchon durch das Wort, Glaube" unmöglich.

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So plaftifch auch die Geftalten des neuen Teftamentes erfcheinen mochten und fo fehr das Concrete des neuen Stoffkreifes die Naturanfchauung in der Kunft förderte dem Volke ftanden diefe Erfcheinungen kalt gegenüber fie waren ja nur gemalte oder gemeifselte Gefetze, die wohl gläubig verehrt wurden, in ihrem Wefen aber keineswegs mehr in jenes intime, klare Verhältnifs zum Leben treten konnten wie die Geftalten des Olymps im Alterthume. Der eigentlich reale hifto­rifche Boden war der Kunft noch fremd; fie mufste durch das religiöfe Gebiet erft dahin geführt werden; die nothwendige reale Auffaffung der Geftalten konnte hiezu wohl als Vortheil angefehen werden, doch ftand diefer lange hartnäckig die traditionelle antike Formgebung im Wege; erft als die Künftler fich über diefe erhoben hatten und ihre Ideale unmittelbar der Natur entlehnten, konnte fich das Stoffgebiet nach anderen Richtungen hin erweitern und war die Möglichkeit geboten, dafs die Kunft, wenn auch nimmer von religiöfer Seite her, wieder mit dem Volke in directen Contact trete. Triumphe hatte die Malerei in diefem Wandel bis gegen 1630 gefeiert, da fie weniger an die Antike gebunden war als die Plaftik, in der fich diefe Tendenzen nur langfam vollzogen und die ihrer