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Bildende Kunst der Gegenwart : (Gruppe XXV) ; Bericht / von Josef Bayer und Josef Langl
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Jofef Langl.

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zweimal fich gefällig anhören, dann aber monoton werden oder Affect in leerem, phrafenhaftem Rhythmus, wie Verdi feinen Zorn" zuweilen im Walzer­tempo auszudrücken beliebte.

Mit dem Religiöfen ift es in der italienifchen Plaftik wohl gänzlich vorbei, fowie noch zu bemerken ift, dafs das ,, Relief", welches fchon im XVI. Jahrhundert blos mehr ein Anhängfel der Malerei war, in der modernen Zeit ebenfalls fehr fpärlich gepflegt wird; felten findet man in Ausstellungen mehr diefe Darftel­lungsweife.

Es ift fchwer, gegenwärtig in Italien von fogenannten Schulen in der Plaftik zu fprechen, obfchon es deren im eigentlichen Sinne des Wortes im Lande eine Anzahl gibt. Die Gleichartigkeit der Production ift fo allgemein, dafs felbft bei genauefter Prüfung nur kleine locale Abweichungen hervortreten. Dafs in Rom noch vorwiegender die ideale Richtung gepflegt wird, ift wohl zunächft dem Einfluffe der bedeutenden fremden Meifter zuzufchreiben, die dort ihre Ateliers aufgefchlagen hatten und fich durchwegs an die antike Formgebung anlehnten. Der kürzlich verftorbene Tenerani( 1869), ein Schüler Canova's und Thorwaldfen's, kann wohl als der begabtefte unter den neueren Meiftern gelten. In Florenz fcheinen die Vorbilder der Meifter aus dem XV. und XVI. Jahr­hundert wieder Einfluss zu gewinnen; lebensvolle Naturauffaffung, feine indivi­duelle Charakteriſtik tritt feit Bartolini's und Dupré's Thätigkeit auch bei den zahlreichen Schülern diefer Meifter allenthalben zu Tage. Der eigentliche naive Realismus ift aber vorzugsweife im nördlichen Italien und vielleicht am ausge­fprochenften bei den Mailänder Künftlern zu finden. Die Mailänder Sculpturen dominirten auch auf der Weltausftellung und fanden fchon der Vorwürfe halber bei dem Gros des Publicums am meiften Beifall, Es war nur zu bedauern, wie fchon am Eingange erwähnt, dafs viele der reizvollen Figürchen durch die Art und Weife der Aufftellung total um ihre Wirkung kamen: die meiſten derfelben waren nämlich in der Induftriehalle( im weftlichen Tranfept) neben allen erdenk lichen anderen Gegenftänden placirt und hatten weder gutes Licht noch ruhigeu Grund. Die Mehrzahl der Arbeiten war fchon im Jahre 1871 bei Gelegenheit der grofsen Ausstellung in Mailand( in der Brera) exponirt und, wie fich der Bericht­erftatter mit Vergnügen erinnert, dort in fo delicater Weife arrangirt und beleuchtet, dafs man in der That über dem Zauber der Arbeit das Nichtsfagende der Gegenstände vergeffen konnte. Es wurde damals wohl von einigen Seiten gegen die Färbung des Lichtes( mit Blenden) Einfprache erhoben doch gewifs mit Unrecht! Es gibt doch kein einfacheres Mittel, dem Marmor die fpröde Weifse zu nehmen, als das Licht mit einem angenehmen Farbentone zu dämpfen. Welch wunderbarer Effect wird doch damit bei Dannecker's ,, Ariadne"( Frank­furt, Bethmann's Muſeum) erreicht!

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Ein junger deutfcher Bildhauer, Adolf Hildebrand( derzeit in Florenz), hatte zur Zeit der Weltausftellung im öfterreichifchen Muſeum für Kunft und Induſtrie einen fchlafenden Hirten" in Marmor ausgeftellt und der Oberfläche durch Einreibung von Tabakfaft eine äufserft milde, wohlthuende Patina ver­liehen, was als Mittel zur Dämpfung der unangenehmen Härte des Marmors hier erwähnt fein mag.

Laffen wir von den Mailänder Künftlern den Profefforen Tantardini und Magni hier den Vortritt.

Tantardini ift der feine Idealift, das heifst in dem Sinne, dafs er die Natur in ihrer edelften Geftaltung wiederzugeben fucht, ohne dabei in irgend welche ftrengere Stiliftik zu verfallen; das Zarte, Weibliche fpricht ihm am meisten zu; er behandelt feine Formen mit bewunderungswürdiger Eleganz und weifs auch in die Bewegung der Geftalten viel Anmuth zu legen. Seine Betrachtende" und die Badende" zeigten bei den genannten Eigenfchaften einen leichten, gefälligen Linienflufs, was auch feine Italia" am Cavourdenkmal auszeichnete. Von der edlen Figur war ein Gypsabgufs( Vorhalle des nördlichen Amateur­