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Bildende Kunst der Gegenwart : (Gruppe XXV) ; Bericht / von Josef Bayer und Josef Langl
Entstehung
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Die Sculptur.

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Pavillons) ausgeftellt, der hier freilich in der gegebenen Pofition wenig Effect geben konnte; wer aber in Mailand von der Via del Giardino aus dem Monumente begegnet, wird gewifs von der Erfcheinung der ,, Schreibenden" angenehm über­rafcht fein; ftörend ift leider dabei nur die Geftalt Cavour's felbft in moderner Kleidung; eine Büfte würde wohl eher zu dem unten ausgefprochenen Gedanken paffen. Ein reizendes Figürchen war auch ,, die Leferin" von demfelben Künftler; nur liefs das Köpfchen, fo fchön es auch war, kalt; dem Motive wäre doch ein Reflex im Antlitz fo nahe gelegen.

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Mit mehr Pathos weifs dagegen Magni feine Geftalten auszuftatten. Die " Juftitia" war eine impofante Erfcheinung; trotz der ausgefprochen realiftifchen Formgebung bewahrte die Geftalt eine gewiffe Erhabenheit und vornehme Würde; wohl beeinträchtigten die etwas zu gerade laufenden Linien der Drapirung die Zeichnung des Nackten, wie es überhaupt bei Magni zu tadeln ift, dafs er im Faltenwurf fich zu viel an das todte Modell hält und manchen Bruch" ganz unmotivirt einfetzt. Die Fehler traten befonders an feinem Sokrates" hervor, einer übrigens edel aufgefafsten Figur, an welcher der antike Kopf mit viel Gefchick ins ,, Realiftifche" umgefetzt erfchien. Bei des Künftlers Beatrice" war nur die reizvolle Ausführung zu bewundern; der Künftler hat daran die Anmuth der Keufchheit geopfert; die Verzückte" blickte gar zu ftarr nach den himm­lifchen Höhen und konnte den Befchauer keineswegs erwärmen. Ein wunder­volles Köpfchen voll zartefter Empfindung zeichnete dagegen feine Sappho" aus; an der Geftalt ftörten nur wieder die zu profaifchen Faltenmotive.

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Ani populärften wurden auf der Ausftellung die Sculpturen des Mailänders Quarniero, da er mit feinen Vorwürfen dem Publicum fo recht ins Gemüth griff; ,, die Jugend Raphael's" nannte er einen gar fentimental dahinblickenden Knaben im Florentiner Coftume, der, den Stift in der Hand, mit der Mappe graciös an einer gebrochenen Säule lehnt; die Rofe der Unfchuld" reichte ein halbentblöfstes und darüber wohl etwas verfchämtes Mädchen dem Befchauer ent­gegen. Das Kind des Tages war jedoch fein erzwungenes Gebet"; ein kleiner Knabe im Hemdchen wird zum Beten gezwungen und fucht feine Thränen und feinen Unwillen zu, verbeifsen". Wir haben des an und für fich nichtsfagenden Gegenftandes fchon in der Einleitung gedacht und können hier nur wiederholen, dafs das Publicum nur defshalb den Kleinen fo fanatifch umfchwärmte, weil er eine Seelenftimmung auszudrücken fuchte, worin Quarniero freilich nur in diefem leichten Genre als einer der begabteften unter den Mailänder Realiften zu bezeichnen ift. Seine Geftalten intereffirten, fie gaben zum Mindeften ein Stück Leben, wenn auch von der edelſten der Künfte, der Sculptur, höhere Tendenzen in Bezug auf das Stoffliche zu verlangen wären.

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Als Gegenftück zu dem erwähnten jungen Raphael konnte Egido Pozzi's ,, Michel Angelo" gelten, ein Figürchen voller Grazie und vollendetfter Durch­führung, an welchem jedoch einige Proportionsfehler in den oberen Extremitäten. zu verzeichnen wären. Der jugendliche Künftler hat einen Satyr in einen Stein­block gemeifselt und blickt, den Kopf auf den Arm geftützt, nachfinnend auf fein Werk ,,, als ob ihm bange Zweifel über feine Künftlerlaufbahn aufftiegen", wie die beigegebene Erklärung bemerkte.

Harmlos in die Saiten des Gefühls zu greifen, oft nur um der Erfcheinung einen Vorwand zu geben, find es denn zumeift jugendliche Geftalten, die von den italienifchen Bildnern auf das Schaupiedeftal gebracht werden.

In wahrer Legion erfchienen Kinderfigürchen, an denen das Naive" in allen möglichen Variationen gefchildert wurde. Zu den befferen diefer Gattung gehörten von den Mailändern die Arbeiten von Peduzzi, Calvi, Zanoni, Pereda und Pietro dal Negro. Das Meifterftück in techniſcher Beziehung lieferte jedoch für diefes Genre Donato Baccaglia mit feiner Gruppe die Seifenblafe". Es mufs geradezu eine Keckheit genannt werden, für eine Marmor fculptur einen folchen Vorwurf zu wählen!" Auf einer blumenumrankten Balu­