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Schreibunterricht : (Theilbericht der Gruppe XXVI) ; Bericht / von J. Hüpscher, Lehrer an der Handels- und naut. Schule zu Triest
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J. Hüpfcher.

erdenklichften Entzifferungskünfte keinen Brief feines Anwaltes lefen konnte. In feiner Guthmüthigkeit fchrieb er dem Doctor, er möge auf feine( des Kaufmanns) Rechnung fchönfchreiben lernen; denn er könne unmöglich deffen jetzige Hand­fchrift lefen. Entrüftet fchrieb ihm der Advocat zurück: Mein Herr! ich kann fchon fchreiben; wenn Sie aber überflüffiges Geld haben, fo lernen Sie felber lefen.

Das ift mit der neuen Area auch beffer geworden; in den Schulen Italiens lernen die Kinder heute weniger Latein und beten; dafür aber lefen und hübfch und leferlich fchreiben. In Italien find die Schreiblehrer ebenfo wie anderswo beftrebt, die alten Formen abzufchaffen und der modernen einfachen und. fchnelleren Handfchrift überall zum Durchbruche zu verhelfen. Zur Ausftellung kamen Muftervorfchriften von G. Carlin aus Turin, deren Grofsbuchstaben- und Ziffernform viel zu wünſchen übrig laffen, aber fonft methodifch gut zu verwenden find.

Sehr lobenswerthe Vorlagen hatte P. Bruno aus Florenz gebracht. Mehr gekünftelte und weniger einfach gute Schreibvorlagen brachte Grimaldi; etwas beffere Formen von Curfivfchriften exponirte Modaferri aus Reggio, fehr gut lithographirt bei Bühring in Meffina. Profeffor Marco Vegezzi aus Bergamo brachte ein eigenes ftenographifches Syftem, das zwar nicht fo hübfch wie das Gabelsbergerifche fich ausnimmt, dafür aber ungemein kurz ift. Diefes Syftem hat in Oberitalien fich vielfachen Anhang erworben.

Von Subfellien fanden wir eine für Volksfchulen zweckmäfsig und ein­fach conftruirte Schulbank von Profeffor G. Dujardin aus Pavia. Ebenfo fanden wir gute Papierforten und Schiefertafeln, fo wie eine reichhaltige Ausftellung von fehr guten und billigen Tinten.

Belgien.

Wie nicht anders zu erwarten war, hat fich das induftriös und culturlich hochentwickelte und ftrebfame Belgien auch in der XXVI. Gruppe hervorragend an der Wiener Weltausftellung betheiligt. Es ift höchft erfreulich, dafs die kleinen Staaten in unferem Jahrhunderte zu der Einficht gelangt find, dafs nicht politifche Nothwendigkeit, welche die Diplomatie fo gern im Munde führt, ihren Beftand neben den Staatenkoloffen garantirt, fondern die Intenfität ihres geiftigen und induftriellen Schaffens, ihr humanitäres und freifinniges Wirken ihnen die Sym­patien der grofsen Nachbarvölker entgegentragen. Freiheit, Arbeit, Recht und Gefetz haben in unferem Jahrhunderte eine Macht erlangt, von welcher in früheren Zeitläuften nur die beften Geifter träumten.

Schreibmethoden hat Belgien mehrere recht gefchickte ausgeftellt; fo: Gellewaert P. ein vollſtändiges methodifch nur etwas zu breit gehaltenes Syftem einer geläufigen kaufmännifchen Handfchrift. Die fehr hübfchen Schrift­formen find wohl geeignet, eine gediegene und geläufige Schrift zu erzielen, find aber hier und da durch unnütze Zuthaten und Züge den Principien der Einfachheit

untreu.

Die deutfche Currentfchrift und die Capitalfchriften entbehren meift der vollendeten Form. Die Ausftattung aber ift alles Lobes werth.

Lory- de Lact P. in Brüffel exponirte eine praktiſche Anweifung zur Er­lernung einer gediegenen Gefchäftsfchrift. Die Methode ift praktiſch gehalten, die Schriftformen von gediegener Einfachheit und Formfchönheit.

Beaujot H. Ch. in Lüttich exponirte eine Schreibmethode von pädagogifch nicht unanfechtbarem Werthe. Hierzu einen ausführlichen Commentar, die Theorie feiner vermeintlich neuen Erfindung behandelnd.

Schreibtheken von verfchiedener Form und Lineatur, theils mit, theils ohne Vorfchriften und Vorpunktirungen ftellten aus Gebrüder Gellewaert; Robyns F. A. aus Gelinden in der Provinz Limburg; Braun Th. in Nivelles, Provinz Brabant, fehr fchönes Papier und praktiſch gebunden u. A.