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Der Zeichen- und Kunstunterricht / von J. Langl
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J. Langl.

Elemente, die zu neuen, lebensvollen Formen anregen; den Compofitionen wird immer die Originalität mangeln, wenn nur vorhandene Motive, combinirt" werden. Dort wo der Verfuch gemacht wird, die Nürnberger und Augsburger Vorbilder freier zu behandeln, verliert das Ornament feinen eigentlichen Kern und ernüchtert in den fort und fort aufgerollten Lederftreifen, wodurch zwar ein bewegtes, aber nichts weniger als anmuthiges Formenfpiel erzielt wird.

Die Gothik foll im Kirchlichen fich fortentwickeln, wenn von einer Ent­wicklung überhaupt die Rede fein kann; die Profankunft mufs aber in ihren ornamentalen Motiven von der Natur ausgehen und hat im Dialekte der Renaif­fance die Formen für ihre Zwecke zu geben, wenn dem Fortfchritte ebene Bahnen geöffnet fein follen. Diefs bildet denn noch die Lücken in der Nürnberger Kunft­fchule. Die Grazie, das Belebende hat aus der Natur geholt zu werden, fowie das Techniſche in den Kunftproducten zu ftudiren ift. Einen rühmenswerthen Anlauf nahm das Inftitut befonders unter Kreling's einflussreicher Leitung in diefer Hinficht fchon im figuralen Fache, wo das Naturftudium fowohl im Zeichen als in der Plaftik eifrigft gepflegt wird. Die zahlreichen Büften und Acte zeigten leider nur im Allgemeinen ein etwas zu frühes Einlenken in das allerdings für das Gewerbliche hochzufchätzende Umfetzen von Zeichnungen ins Plaftifche. Die Formen fchwanken meift noch; es mangelt die Sicherheit im Flächenlegen, die nur durch gründliches Studium nach guter Plaftik oder der Natur erreicht werden kann. In diefem Ringen nach der Form unterliegt natürlich dann das Individuelle, das Geiftige der Auffaffung, welches wie der Duft der Blume dem Antlitz gehört. So mangelte auch den Reliefacten das feinere Gefühl und oft der organifche Zufammenflufs in den Formen, was nur wieder durch gründliches anatomifches Studium und ein nach der Antike gefchultes Können zu erreichen ift; auch wäre dem hohen, faft runden Tractemente das edle Profil der Parthenon­reliefs vorzuziehen, wodurch in dem exacteren Formenanfchneiden befonders der Anfänger an ein ftrengeres Formhalten überhaupt gewöhnt würde.

Welchen Stilcharakter die zahlreich ausgeftellten Ornamente hatten, wurde erwähnt; fie zeugten alle von der technifchen Gewandtheit der Schüler*. Auch nett gearbeitete Wachsboffirungen, meift als Verzierungen für Gefäffe, Geräthe etc. beftimmt, find erwähnenswerth. Sehr fchöne, ja mitunter mufterhafte Entwürfe lagen in Möbelzeichnungen vor, welche auch an der Anftalt ausgeführt wurden; wie über­haupt in Einrichtungsftücken die Schule auch in anderer Beziehung und befonders im Kirchlichen Rühmliches leiftet. In den baulichen Entwürfen herrfcht die Gothik vor und gaben Photographien und Zeichnungen von der bedeutenden Thätigkeit des Inſtitutes auch nach diefer Richtung Zeugnifs. Die ausgeftellten Holz­fchnitzereien bewegten fich wie die Gypsornamente in der Gothik und Renaiffance und liefsen ebenfalls in technifcher Vollendung nichts zu wünſchen übrig. Bei den Zeichnungen wäre nur zu tadeln, dafs die meiften zu viel" ausgeführt waren. Zeit ift Gold- und am meiften für die Kunftjünger; das lithographifche Aus­tüpfeln der Flächen, der Hintergrunde etc. ift aber nicht blofs Zeitverluft, fondern zugleich geifttödtend. Was den Vortrag im Zeichnen anbelangt, ftehen die franzöfifchen Schulen fowohl den deutfchen als den italienifchen noch als Mufter gegenüber, nämlich mit den einfachften Mitteln auf kürzeftem Wege den Zweck zu erreichen. Es fcheint wohl und wäre lebhaft zu wünfchen, dafs die Anftalt blofs auf die Ausftellungsobjecte diefe Zeit verwenden liefs, obfchon damit der Zweck der Ausftellung wieder als verkannt bezeichnet werden müfste, denn gerade in dem Vergleichen der verfchiedenen gangbaren Vortragsmetho den liegt ja ein Hauptmoment für den Fortfchritt. Die gezeichneten Studien­köpfe nach der Natur( in Kreide auf weifsem Papier) zeugten von tieferer, individueller Auffaffung als die der Plaſtik; auch die Acte in Kreide und Kohle

* Das Inftitut vervielfältigt die meiſten Schülerarbeiten zum Gebrauche für andere Schulen und wurden bis jetzt 436 Modelle für diefen Zweck aufgelegt.