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Rudolf Weinwurm.
den künftlerifchen Standpunkt betonen und die Pflege des gemiichten Chores als gleichberechtigtes Ziel der Volksbildung hinftellen. Diefen Standpunkt vertritt mit Einficht und Entfchiedenheit insbefondere J. J. Schäublin, ein um die mufikalifche Jugenderziehung in der Schweiz hochverdienter Mann, deffen Werken wir noch weiter unten begegnen werden, in feiner gleichfalls in der Schweizer Abtheilung aufliegenden Brochure:" Ueber die Bildung des Volkes für Musik und durch Mufik".
Zwar hat man hier und da angefangen, in die Programme der Cantonsfefle auch gemifchte Chöre aufzunehmen, und an mehreren Orten, namentlich in den gröfseren Städten, verbinden fich unter der Aegide der gleich unten zu befprechenden Mufikvereine Frauen- und Männerchöre zur Pflege des gemifchten Chores; der Männergefang dominirt aber bei allen feftlichen Gelegenheiten und allerorten in einem feine künftlerifche Berechtigung weitaus überfteigendem Mafse. Auf welchem inneren Eintheilungsgrunde die erwähnte Theilung diefes Gebietes in Kunftund in Volksgefang beruht, vermag der Referent trotz genauer Durchficht des vorfindlichen Materiales nicht anzugeben, wir treffen im Gegentheile in den Sängerfeft- Sammlungen Nummern( z. B. Kreutzer's" Kapelle"), die fowohl unter der Rubrik Kunftgefang, als ein ander Mal unter der Rubrik " Volksgefang" vorkommen. Nebftbei zeigt aber die Durchficht diefer Hefte und die Durchficht der Liederfammlungen, dafs felbft auf dem Gebiete des Männergefanges in künftlerifcher Hinficht noch viel zu thun übrig bleibt. Man darf lange blättern, um irgend einem claffifchen Namen zu begegnen; am häufigften kommt noch Mendelsfohn vor, Schubert und Schumann find höchft mangelhaft und auf eine Weife vertreten, die ihre Bedeutung für diefes Gebiet nicht erkennen läfst. In den Liederfammlungen, deren einige noch weiter unten zur Aufzählung gelangen, trifft man mufikalifche Sünden und Gefchmacksverirrungen, die fich allenfalls mit dem Mangel claffifcher Nummern auf diefem Gebiete entfchuldigen, wohl aber nicht rechtfertigen laffen. Was foll man z. B. fagen, wenn man in einer der verbreitetften und fonft brauchbarften diefer Sammlungen: ,, Volksgefänge für den Männerchor, herausgegeben von einer Commiffion der Zürich'fchen Schulfynode" unter Nr. 56 und dem Titel:„ Schwur freier Männer" den wundervollen Doppelchor ,, Bacchus hymne" aus der Antigone von Mendelsfohn, einen der Glanzpunkte diefes Werkes, in einer Geftalt und Faffung findet, die fich kaum befchreiben läfst: ohne Begleitung; der Doppelchor auf einen einfachen reducirt; rhythmifche Aenderungen, die dem urfprünglichen Ductus widerftreiten; das Tonftück blofs im erften Theile benützt und demnach aus einander geriffen und fchliefslich ein Text untergelegt, der von hellenifcher Schönheit und dithyrambifchem Schwunge wohl gar nichts an fich hat? Oder wenn in derfelben Sammlung ( Nr. 179) ein inftrumentales Variationenthema Beethoven's als Männerchor verarbeitet wird auf einen Text:" O Welt, du bift fo fchön"? Oder wenn man das zauberduftige Lied Schumann's:„ Erftes Grün" in einer Verballhornung für Männerchor antrifft, entkleidet des geradezu unentbehrlichen Reizes der Begleitung? Oder wenn man in einer anderen Sammlung:„ Neue Volksgefänge für den Männerchor" I. Heft, Seite 51 den zweiten Satz aus der Sonate op. 90 von Beethoven bis zur Unkenntlichkeit entftellt, als Männerchor unter dem Titel: " Fahr wohl, du gold'ne Sonne" findet? Derartige Beifpiele wären noch mehrere anzuführen; fie zeigen aufs Deutlichfte die Gefahren, die dem mufikalifchen Gefchmacke aus einfeitiger Kunftübung erwachfen.
Jener Bericht enthält auch die Nachweite über die Schweizer Mufikvereine, nach den vorerwähnten Rubriken abgefafst von Mufikdirector Methfeffel in Bern. Ihre Gefammtzahl beträgt 210; die Zahl der Mitglieder 6461; Vermögen 253.591 Francs; Einnahmen 255.621 Francs; Ausgaben 280.129 Francs; die Gründung der meiſten datirt aus den Jahren 1850 bis 1870; die älteften Vereine find: Mufikcollegium in Winterthur( 1629), Cäciliengefellfchaft in Rapperswyl