Dokument 
Das gewerbliche Unterrichtswesen : (Gruppe XXVI, Section 4) ; Bericht / von Armand von Dumreicher
Entstehung
Seite
23
Einzelbild herunterladen

Das gewerbliche Unterrichtswefen.

23

Schule hatte ein in hellem Holz gefchnitztes Käftchen ausgeftellt, deffen gar keinem Stile angehörender Bau mit harten und kahlen, willkürlich erfundenen Ver­zierungen einen gar unerfreulichen Anblick gewährte.

Die von Reutlingen ausgeftellten Zimmermaler- Arbeiten zeugten zwar nicht immer vom feinften Farbenfinn, wiefen aber in ihrer Art beffere Sachen auf, als die erwähnten Rottweiler Ausftellungsobjecte. Die Gmünder Schule hatte einige recht tüchtige Gravir- und Cifelirarbeiten ausgeftellt, deren ornamentaler und figürlicher Schmuck alle billigen Anforderungen befriedigte. Dagegen waren von derfelben Schule einige Zeichnungen und Aquarelle da, welche an der tiefften Grenze der Mittelmäfsigkeit ftanden. Namentlich eine nach der Natur gemalte Aquarelle, welche zwei Silberkannen auf einem mit fpitzengarnirtem weifsblauem Tuche bedeckten Tifche darftellte, erfchien, abgefehen von der fteifen Behand­lung der Tuchfalten und anderen Ungefchicklichkeiten der Ausführung, fchon durch Wahl und Aufftellung der zu copirenden Objecte als eine typifche Leiftung des fpiefsbürgerlichen Ungefchmacks, der fo vielen kunftinduftriellen Arbeiten württembergifcher Schulen einen ihnen eigenthümlichen Stempel aufprägte. Ein ebenfalls von Gmünd ausgeftellter, in Holz gefchnitzter Vifitkarten- Behälter mit der Devife ,, Niemand zu Haufe" gehörte der Kategorie jener Arbeiten an, die den Mangel künftlerifcher Erfindung durch fogenannte gute Einfälle zu decken fuchen, aber kaum zur Gefchmacksveredlung der aufwachfenden gewerbetreiben­den Generation beitragen dürften und darum von der Schule ftreng ausgefchloffen fein follten.

Die Geislinger und Rottweiler Elfenbein- Schnitzereien, meift ungraziös und naturaliftifch, wiefen nur wenige nicht ganz reizlofe Arbeiten auf, und die Uhrenfchild- Malereien von Schwenningen bewegten fich meift innerhalb der banalen, bunten Decorationsweife, welche in diefem Genre noch immer vorherrfcht.

Die Ausstellung der württembergifchen Fortbildungsfchulen, welche haupt­fächlich durch grofse Maffen von ganze Wände bis zum Gefimfe bedeckenden Zeichnungen zu wirken fuchte, gewährte nur in den einfacheren Gegenftänden, in welchen eine künftlerifche Seite gar nicht oder erft in zweiter Linie hervor­zutreten braucht ,, Befriedigung. So waren das Befte unter den exponirten Schüler­arbeiten die Schreib- und Rechnungshefte und durfte auch an den einfacheren Zeichnungen das hervortretende didaktifche Moment anerkannt werden. Ferner verdienen einige fehr praktiſche Handbücher für Gewerbsleute, welche zur Ein­ficht auflagen, rühmende Hervorhebung.

Die Entwürfe und Ausführungen von Deffins für wollene, halbwollene, feidene und leinene Stoffe, welche von den Webefchulen in Reutlingen und Heidenheim eingefendet waren, glänzten zwar nicht durch graziöfe Leichtigkeit der Zeichnung und augenerfreuende Farbenwirkung, waren aber in ihrer Art beffer als manche Arbeiten der Fortbildungsfchulen. Diefe Schulen lehren eben das, was in der betreffenden Induftrie Württembergs heutigen Tages geht", und der Gefchmack der Confumenten befchränkt ja die Lehrer in ihren Beftrebungen. Unter diefen Verhältniffen ift es fchon ein Vorzug, dafs kein Stück von ganz ent­fchiedenem Ungefchmack vorhanden war.

Zu den befferen ihrer Gattung konnte auch die Ausftellung der Frauen­arbeits- Schule in Reutlingen gerechnet werden, welche den methodifchen Unterrichtsgang der Schule durch Vorführung von Zeichnungen und fehr zahlreichen Handarbeiten darlegte. Zwar in keinem Stücke von feiner Eleganz, vielmehr durchgehends im fchwerfälligen Gefchmacke des niederen, kleinftädtifchen deut­fchen Mittelftandes gehalten, machten diefe Arbeiten doch oder eben defshalb den Eindruck leichter Verwerthbarkeit, und überzeugten Jedermann von der wohl­thätigen Wirkung, welche die in denfelben unterrichtende Anftalt auf die Erwerbs­fähigkeit des weiblichen Gefchlechtes übt.

Als geradezu gediegen und felbft künftlerifch lobenswerth erfchienen die Reutlinger Arbeiten aber, wenn man fie mit der wunderlichen Ausstellung der