26
Armand Freiherr von Dumreicher.
wirthschaftliche Kraft wird heute von den gewaltigen Veränderungen im gewerblichen Betriebe, welche den Hankwerker- Stand ftets mehr zerfetzen und die Grofsinduftrie zur Alleinherrfchaft führen, in mehr denn einer Beziehung bedroht. Unter den Schutzmitteln aber, welche gegen diefe Gefahren aufgeboten werden müffen, nimmt, neben der Gründung von Vorfchufsvereinen, Rohftoff- Genoffenfchaften, Magazinvereinen, Productivaffociationen, die Organiſation eines tüchtigen gewerblichen Unterrichtes eine erfte Stelle ein.
Aber nicht nur dem Kleingewerbeftand der Städte mufs in folcher Weife zu Hilfe gekommen werden; auch auf dem Lande erwächft dem gewerblichen Unterrichte die Aufgabe, Gefahren zu begegnen und Schädigungen wenigftens zu mildern, welche ein feit Kurzem in der Landwirthschaft Europas beginnender Procefs von unabfehbarer Tragweite in fich birgt. Die neueften Fortfchritte des modernen Communicationswefens im Often des Welttheiles führen ausgedehnte, fruchtbare Agriculturgebiete in den grofsen Weltverkehr ein; ein fich rafch entwickelndes Syftem von Schienenfträngen fteigert das ökonomische Ausftrömungsvermögen der Donau- und Weichfelländer nach dem Weften und ermöglicht dem fernften Bewohner der weiten öftlichen Tiefebenen den Abfatz feines Ueberfluffes an landwirthfchaftlichen Erzeugniffen.
Wenn bisher in Folge deffen acute Erfcheinungen noch nicht aufgetreten find, fo dankt diefs die wefteuropäiſche Bodencultur einzig dem Umftande, dafs die gegenwärtige tiefgreifende Umwälzung iu feinen Agrarverhältniffen Rufsland einftweilen an der vollen Ausbeutung feiner fo fchnell und eifrig vermehrten Ausfuhrmittel hindert.
-
Jedenfalls aber bedrohen die neuern Aenderungen in den europäiſchen Verkehrs- und Productionsbedingungen den Bauernftand in den weftlichen Län dern mit fchweren Erfchütterungen, insbefondere den Bauernftand in den öfterreichifchen Gebirgsländern, minder die meift flavifchen Bevölkerun gen in den gefegneten Niederungen Böhmens, Mährens und Unter- Steiermarks. In dem letzten Decennium hat fich die Bevölkerung der öfterreichischen Alpenländer um 3.62, der Sudetenländer um 8.40, der Karftländer um 10'60, der Karpathenländer um 1813 Percent vermehrt. Das find Zahlen, die zu ernfteftem Nachdenken anregen.
Ein Wechfel im landwirthschaftlichen Betriebe fowohl, wie eine ausgedehntere Entwicklung der Hausinduftrie in unferen Alpengebieten fcheinen die einzigen Mittel zur Ueberwindung der unvermeidlichen Krife, und hiemit erwachfen einem neuorganifirten gewerblichen Fachunterrichte Aufgaben von tieffter Bedeutung für die Lebensintereffen des Volkes und des Staates. Während ein Theil der deutfch- öfterreichifchen Gebirgsbewohner, da er im Bau von Cerealien nicht mehr zu concurriren vermag mit der Production der ungarifchen Hinterländer, fich ausfchliefslich der Viehzucht wird zuwenden müffen, wird ein anderer Theil nur durch Vervollkommnung und Wiederbelebung alter, an manchen Orten fchon dem Ausfterben naher, fowie durch Einführung neuer, den localen Verhält niffen angemeffener Hausinduftrien fich vor Verarmung und Untergang retten können. Diefem letztern Proceffe aber kann und mufs durch Gründung von Fachfchulen und Lehr- Werkstätten, durch Vermehrung der Kenntniffe und Hebung des Gefchmackes werkthätig nachgeholfen werden.
So fordert in Oefterreich die wirth fchaftliche, gefellfchaftliche und ftaatliche Lage eine allfeitige Ausbildung des lange vernachläffigten gewerblichen Unterrichtswefens. Sie fordert diefs dringend, denn die Kraft des ftaatlich wichtigften Elementes in Oefterreich fchmilzt an der Bafis. Bedenklich grofs erfcheint fchon jetzt die Menge der Kleinbürger, die aus dem dritten in den vierten Stande hinabgeftiegen find, und die Zahl der Gebirgsbauern, die ein veralteter Betrieb und eine neue Concurrenz in Gant und um Haus und Hof gebracht haben. So zeigen fich denn, während in den Fabrikftädten die Arbeiterbevölkerung riefig anwächft, auch bereits die erften Anfänge eines ländlichen Proletariats