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Das gewerbliche Unterrichtswesen : (Gruppe XXVI, Section 4) ; Bericht / von Armand von Dumreicher
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Armand Freiherr von Dumreicher.

und kaum in einer Disciplin haben die alten gährenden Elemente fich zu beftimm­ten Körpern kryftallifirt, noch ringt das neunzehnte Jahrhundert nach feften einheitlichen Formen feinės äufseren Culturlebens und die bereits vor zwei Jahr zehnten von Semper ausgegangene Anregung eines nationalen Kunftgefühles" hat fich bisher noch in keiner Gegend des weiten deutfchen Culturgebietes auf die Maffe des Volkes erftreckt.

Wenn fchon folche allgemeine Lage einen wahrhaft befriedigenden Eindruck einer Ausftellung gewerblicher Fachfchulen heute noch nicht zu Stande kommen läfst, um wie viel mehr mufste die Ungunft der Verhältniffe fich in einem Falle fteigern, wo erft kürzlich in den Boden gepflanzte Schöpfungen ein Bild ihrer fruchttreibenden Wirkfamkeit hätten entfalten follen. Unter folchen Umftänden war es ein kühner Entfchlufs der Regierung, dennoch die Veranſtaltnng diefer Ausstellung zu wagen und die Refultate einer zweijährigen, mit bedeutenden Geld­opfern entfalteten organifatorifchen Thätigkeit durch vielleicht verfrühte Veröffent­lichung den mannigfachften Mifsverftändniffen auszufetzen.

Eine wichtige Erwägung mochte hier fragentfcheidend eingewirkt haben. Die Regierung mufste nämlich für fich felbft eine Gelegenheit herbeiwünfchen, wo fie einen Ueberblick über das Gefammtergebnifs ihrer bisherigen Anftrengungen und einen Einblick in die an ihren Schulen zu Tage tretende Richtung gewinnen und zugleich das Urtheil weitefter fachmännischer Kreife vernehmen konnte. Und eine folche Gelegenheit bot die Wiener Weltausstellung in ausgezeichneter Weife. Wenn wir die Ausftellung der gewerblichen Fachſchulen unter dem Gefichtspunkte folcher Belehrung über den Zuftand der Gegenwart und über die fich aus demfelben ergebenden Forderungen der Zukunft betrachten, fo müffen wir fagen, fie habe ihren Zweck erfüllt und dadurch ihre Veranſtaltung gerecht­fertigt. Welche Forderungen aber an die Zukunft zu ftellen feien, kann in der That für Niemanden zweifelhaft fein, der einerfeits die Ausftellung mit einiger Aufmerkfamkeit ftudirt hat und anderfeits über das Wefen und die Grundlagen der durch diefe Fachſchulen zu hebenden Induftrien klar geworden ift.

Die weitaus überwiegende Mehrzahl diefer Fachfchulen foll nämlich dem Kleingewerbe oder der Hausinduftrie dienen, und es handelt fich fomit zunächft für jeden Kenner wiffenfchaftlicher Theorie und praktifcher Verhältniffe um Beantwortung zweier Fragen:

Gibt es in der Wirthfchaft der Neuzeit überhaupt noch Gebiete, in welchen Kleingewerbe und Hausinduftrie fich natur­gemäfs auf die Dauer und aus eigener Kraft neben der Grofsindu­erhalten werden? und bejahenden Falles: Worin ift das charakterifti­fche Moment zu fuchen, welches diefe Gebiete zur natürlichen Domäne des Kleingewerbes und der Hausinduftrie macht? Und wir werden nicht lange zu fuchen brauchen, um zu finden, dafs in dem Mafse, als ein einer Gattung von Gütern aufgedrücktes Gepräge individueller Arbeit deren Verkehrs­werth zufteigern im Stande ift, die Eignung der Grofsinduftrie zur Erzeugung diefer Güter abnimmt, dafs alfo, je wichtiger die künftlerifche Seite in einer Gattung von Gütern an fich erfcheint und je ftärker und tüchtiger fie im con­creten Falle ausgebildet worden ift, defto gröfs er auch der Vortheil fein muss, welchen bei deren Production das Kleingewerbe der Grofsinduftrie gegenüber befitzt. Wenn es nun keinem Zweifel unterliegt, dafs jenes gefuchte charakteriftifche Moment kein anderes als das künftlerifche fein kann, fo ift der weitere Schlufs unabweisbar, dafs die künftlerifche Bildung und die Gefchmackserziehung die wichtigſte Aufgabe von Anftalten fein mufs, welche zur Entwicklung und Erftar­kung des Kleingewerbes dienen follen. Der Punkt, auf welchen nicht mehr und nicht weniger als Alles ankommt bei Beurtheilung der Ausftellung der gewerb­lichen Fachschulen liegt fomit auf der Hand: in erster Linie mufs die Ausstellung auf den in ihr zur Erfcheinung gekommenen Ge­fchmack geprüft werden.