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Dr. C. Theodor von Gohren.
artig und in vielfachen Farben fchillernd, geben fie äusseren Einflüffen nach, fich anpaffend den jeweiligen localen Verhältniffen und der momentan herrfchenden Strömung. Diefe Charakterunklarheit machte fich fchon äufserlich in der Ausftellung geltend. Wo follte man die landwirthfchaftlichen Lehranstalten und Verfuchsftationen fuchen? Die Kataloge( man vergleiche zum Beiſpiel den trefflichen des deutfchen Reiches) verwiefen fie in Gruppe XXVI,„ Erziehungs-, Unterrichts- und Bildungswefen", de facto aber waren fie in Gruppe II, in der Agriculturhalle zu finden, oder richtiger gefagt, nur zum gröfsten Theil zu finden; ein anderer hierher gehöriger Theil erfuhr das Schickfal fo vieler auf die Ausftellung gebrachter Objecte er war zerftreut in den diverfeften Gruppen und an den verfchiedenften Orten, verfteckt unter allerlei anderen fchönen Dingen, eines unermüdlichen Entdeckers harrend. Für den Referenten fteht es feft, dafs die Ausftellungsobjecte der landwirthschaftlichen Lehre und Forfchung" in Gruppe XXVI gehört hätten, denn Unterricht ift und bleibt Unterricht, wenn auch die Unterrichtsziele von einander abweichen.
Wie anders und wie feft gegliedert zeigten fich dem landwirthfchaftlichen Unterrichte gegenüber die anderen Unterrichtsabtheilungen. Der Befuch des Unterrichtspavillons des deutfchen Reiches und der von dem k. k. Minifterium für Cultus- und Unterricht veranstalteten Collectivausftellung von Schul- und Unterrichtsgegenständen hat gewifs Niemanden unbefriedigt gelaffen; die Revue des landwirthfchaftlichen Unterrichtes und der Verfuchsftationen hingegen wird mit Recht manchen Zweifel, manches Bedenken wachgerufen haben, kaum bei irgend wem volle Befriedigung. Dem Referenten will bedünken, als hätte eine energifche, fachverständige Hand gefehlt, die fich des zum Schlagworte gewordenen Afchenbrödels unter den Bildungszweigen, des landwirthschaftlichen, angenommen hätte. Dafs das Studium des zur Ausftellung Gebrachten durch das fchon vielfach beklagte Arrangement nach Ländern, ftatt nach der Materie, wefentlich erfchwert wurde, braucht nicht erft verfichert zu werden.
Doch treten wir unferer Aufgabe näher. Das Programm der officiellen Berichterstattung verlangt,„ ,, dafs jeder Detailbericht in feinen kritifchen und gefchichtlichen Betrachtungen die letzte Parifer Weltausftellung zum Ausgangspunkte zu nehmen, das Referat auf die ausgeftellten Gegenftände zu befchränken und nur dort, wo es der Stand der Wiffenfchaft und der Entwicklung gebieten follte, die Lücken in der Ausstellung auszufüllen hat".
Mit Befchränkung auf diefes deutlich begrenzte Terrain mufs zunächft conftatirt werden, dafs mit Ausnahme der immer mehr und mehr fich Bahn brechenden Strömung, den höchften landwirthfchaftlichen Unterricht an die Univerfitäten zu verlegen, keine neue Organiſation, kein neuer Gedanke fich auf dem Gebiete der landwirthfchaftlichen Lehre und Forfchung geltend gemacht hat. Die Lücken, welche fich in der Ausftellung zeigten, werden felbftverständlich auch in dem Berichte wahrzunehmen fein. Dabei ift es freilich Pflicht des Referenten, den nicht fo wie viele andere Befucher die zahlreich angebrachten„ Noli me tangere" abhalten durften, die aufgelegten Berichte und Bücher durchzufehen, auch hinter die Couliffen zu blicken und fich mit der Organiſation des landwirthschaftlichen Unter richtes in den einzelnen Ländern im Allgemeinen und Speciellen fo weit als mög. lich vertraut zu machen.
Doch zur Sache. Von allen Ländern war auch auf dem Gebiete des landwirthschaftlichen Unterrichtes das deutfche Reich verhältnifsmäfsig am beften repräfentirt. Es fei geftattet, die deutfche Expofition auch zuerft zu befprechen.
Deutfches Reich.
Allgemeines. Dafs Referent nicht zu weit gegangen ift, als er oben fein Bedauern ausfprach, dafs es mit dem landwirthfchaftlichen Unterrichtswefen in allen Ländern noch nicht fo beftellt fei, wie es wünſchenswerth erfcheine,