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Landwirthschaftliche Lehre und Forschung : (Gruppe XXVI, Section 4) ; Bericht / von C. Theodor von Gohren, Director der landwirth. Lehranst. "Francisco Josephinum" in Mödling bei Wien
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Landwirthschaftliche Lehre und Forschung.

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ob das landwirthfchaftliche oder das gewerbliche Intereffe in einer Gemeinde das vorwiegende ift, da in vielen Fällen kleinere Befitzer zugleich Handwerker find. In Folge deffen wurde denn auch der Lehrcurs für Volks- Schul­lehrer allmälig mehr und zuletzt faft ganz feines landwirth­fchaftlichen Charakters entkleidet.

An den Schullehrer- Seminarien hat man feit einigen Jahren, um die zukünf­tigen Volkfchul- Lehrer zur Ertheilung des Fortbildungsunterrichtes befähigter zu machen, dem Unterrichte in den Naturwiffenfchaften eine gröfsere Ausdehnung gegeben und ift zu diefem Zwecke von der Staatsregierung die Erweiterung der Unterrichtszeit an diefen Anftalten von zwei auf drei Jahre angeordnet worden. Der auf der Weltausftellung zur Anfchauung gebrachten ftatiftifchen Karte über das Fortbildungs- Schulwefen in Heffen waren nicht Nachweife über das eigent­liche landwirthfchaftliche Fortbildungs- Schulwefen, beziehungsweife ein folches auf dem flachen Lande zu Grunde gelegt, fondern es gab diefelbe nur ein Bild über den Stand des heffifchen Fortbildungs- Schulwefens überhaupt. Gegen­wärtig find im Grofsherzogthume thätig 147 Schulen mit 3812 Schülern, die fich nach Provinzen fo vertheilen:

Provinz Starkenburg Oberheffen

Rheinheffen

Schulen

Schüler.

93

36

2243 954 615

18

Davon find in den Kreifen der ländlichen Bevölkerung 126 Schulen mit 2724 Schülern. Der Aufwand für diefe Schulen, ebenfo wie die für den Befuch des Lehrercurfes von den Lehrern zu beftreitenden Koften werden von den betreffenden Gemeinden theils ganz getragen, theils werden hiezu von landwirth­fchaftlichen Vereinen, Sparcaffen etc. nicht unerhebliche Zufchüffe gewährt. Die Staatsregierung beabsichtigt, den Fortbildungsunterricht in denjenigen Gemein­den, in denen ein folcher bereits befteht oder der Gemeindevorftand die Ein führung befchliefst, obligatori fch, und zwar für die Gemeinde, die Lehrer und die aus der Volksfchule entlaffene Jugend zu machen.

An landwirthfchaftlichen Fachunterrichts- Anftalten befte­hen im Grofsherzogthume vier Ackerbau- Schulen( je zwei in den Provinzen Starken­burg und Oberheffen), die höhere landwirthfchaftliche Lehranftalt zu Worms ( Rheinheffen) und das landwirthfchaftliche Inftitut an der Univerfität Gieffen ( Oberheffen). Von den vier erfteren find drei ausfchliefslich Unternehmen der betreffenden landwirthfchaftlichen Provincialvereine und eine geniefst nur eine Subvention durch den Provincialverein. Der Gefammtaufwand für diefe vier Schulen beträgt circa 6000 fl. und find diefelben mit Lehrmitteln und Lehr­kräften gut verfehen. Die landwirthschaftliche Lehranstalt zu Worms ift ein Privat­unternehmen. Die Zahl der Theilnehmer an diefen Anftalten, von denen letztere fich nur auf die fünf Wintermonate von November bis März erftreckt und auf zwei Curfe in zwei Winter vertheilt, beträgt zufammen 150 bis 200 in jedem Winter. Für die Aufnahme in die erfteren ift erforderlich, dafs die Schüler das 15. Lebensjahr überfchritten haben, aus der Volksfchule entlaffen find und in der Landwirthschaft bereits praktiſch thätig waren; letztere verlangt das zurückgelegte 18. Lebensjahr, eine höhere allgemeine Vorbildung und ebenfalls vorausgegan­genes Prakticum. Das landwirth fchaftliche Inftitut zu Gieffen, mit der Univerfität verbunden, fetzt eine gleiche Vorbildung voraus, wie fie für den Befuch der Univerſität gefordert wird. Die Theilnahme an demfelben erftreckt fich vorzugs. weife auf die Cameral- und Forstwirthschaft- Studirenden und weniger auf prak. tifche Landwirthe.

Aufser den vorerwähnten Anftalten werden von den landwirthschaftlichen

Vereinen in jedem Jahre Curfe für Wiefenwärter, Obftbaum- Wärter, Hufbefchlag­Schmiede abgehalten.