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Allgemeine Bildungsmittel : (Gruppe XXVI, Section 6) ; Bericht / von Rudolf Lechner, Alfred Klaar, Carl Th. Richter
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Rudolf Lechner.

auch Sortiment treiben, wodurch ihre Thätigkeit zerfplittert und fie gehindert werden, dem Verlage ihre ganze Kraft zu widmen. Diefer wird in den meiften Fällen nur nebenher, ich möchte fagen, gelegentlich betrieben. Der Sortiments­betrieb ift aber ein fo zeitraubendes und mühfames Gefchäft, dafs die Verlags­thätigkeit darunter leiden mufs. Männer, welche fich nur mit dem Verlage befchäf­tigen, haben die nöthige Mufse, ihre Verbindungen mit den Autoren zu pflegen, neue anzuknüpfen und, was das Wichtigfte ift, felbft Ideen zu Verlagsunter­nehmungen zu geben. Es ift eine Thatfache, dafs ein grofser Theil des bedeu­tendften und lucrativften deutfchen Verlages aus der buchhändlerifchen Initiative hervorgegangen ift. Ich erinnere nur an die riefige Literatur der Converfations­lexica( Brockhaus, Meyer, Pierer, Spamer), des Jugendfchriftenverlages( Schreiber & Schill, Hoffmann- Thienemann, Spamer) und in neuefter Zeit der Claffiker- Gemein­gut- Ausgaben( Hempel, Grote, Prochaska) und der fo vielen anderen Sammel­werke in allen möglichen Richtungen, welche meiftens ihr Entftehen verlegeri­fcher Initiative verdanken. Wenn wir alfo eine gröfsere Menge von ausfchliefs­lichen Verlagsgefchäften haben werden, wird fich auch die Production wefent­lich heben.

Auch die Regierung könnte hier fördern, wenn fie fich einmal entfchliefsen möchte, den k. k. Schulbücher- Verlag gänzlich aufzugeben. Es iſt eine grofse Anomalie und im modernen Staate ganz unhaltbar, dafs die Regierung dem Steuerträger Concurrenz macht und ihm eines feiner wichtigften Objecte entzieht. Man hat zwar im Principe die Concurrenz der Privatverleger zugeftanden und auch manche von diefen herausgegebene Schulbücher zuläffig erklärt. Diefs reicht jedoch nicht aus; denn so lange die Staats- Buchhandlung exiftirt, wird fich die Privatinduftrie nie gehörig entfalten und diefes Feldes bemächtigen können. Man fagt: der Schulbücherverlag liefert fehr wolfeile Schulbücher und gibt Armenbücher in unbefchränkter Menge. Das fei ein grofser Vortheil für das Volk. Man darf aber wohl dagegen fragen: find diefe wolfeilen Bücher auch immer gute Bücher? Die Erfahrung antwortet: nein! Und Armenbücher liefert auch der Privatverleger, und dafs ohne Staatsanftalten auch wohlfeile und nebft bei auch vortreffliche Schul­bücher entſtehen, diefen Beweis liefert das ganze deutfche Reich, wo mit Aus nahme von Baiern, nirgends mehr Staatsanftalten zur Herftellung von Schul­büchern exiftiren. Der öfterreichifche Verlagsbuchhandel hat in der kurzen Zeit, welche feit Zulaffung der Privatconcurrenz verfloffen ift, erftaunlich viele Schulbücher geliefert und man kann ihm den Vorwurf der Saumfeligkeit nicht machen. Dafs manche mittelmäfsige Producte darunter find, wen möchte diefs Wunder nehmen, wenn man bedenkt, dafs Alles, alfo auch das Verlegen von Schulbüchern, erft gelernt werden muss?

Darüber kann ein Zweifel nicht beftehen, dafs die gänzliche Auflaffung des k. k. Schulbücherverlages für den öfterreichifchen Verlagsbuchhandel von gröfster Wichtigkeit wäre, und ich glaube daher der Regierung diefen Schritt im Intereffe der heimifchen Verlagsinduftrie auf das Dringendfte empfehlen zu

müffen.

Schlufsbemerkungen.

Wenn ich fchliefslich noch einen vergleichenden Blick auf den deutfchen Buchhandel( mit Einfchlufs des öfterreichifchen) werfe, fo komme ich zu folgen­dem Refultat:

Der deutfche Buchhandel fteht, was Vielfeitigkeit, Maffenhaftig keit, folide künftlerifche Ausftattung, praktifche Richtung, Befriedigung der literarifchen Bedürfniffe der Familie, Her­ftellung von Kinderbefchäftigungs- Mitteln, Kinderbüchern, Jugendfchriften und Schulbüchern und populären Schriften für das Volk betrifft, unbedingt auf der erften Stufe.