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Allgemeine Bildungsmittel : (Gruppe XXVI, Section 6) ; Bericht / von Rudolf Lechner, Alfred Klaar, Carl Th. Richter
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Die focial- ökonomifchen Bildungsmittel.

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einzelnen Fabrikscentren; Aufhäufung von Arbeitskräften, Zufammendrängung derfelben an einzelnen Orten und in einzelnen zu ungeheurer Ausdehnung wachfenden Fabriken, Nothwendigkeit grofser Anlags- und Betriebscapitalien, um in der induftriellen Welt Stand zu halten, kurz Capitalswirthfchaft, der eigentlich wirthschaftliche Ausdruck der Dampfkraft und ihrer Benützung in der Induſtrie, welche ja nur die technifche Seite diefes Lebens bedeutet, ift das Kennzeichen der modernen Zeit. Die letzte Aeufserung derfelben ift der aus der Maffenpro­duction und den grofsen Betriebs- und Anlagscapitalien hervorgehende Capitals­gewinn, der nicht mehr als langfam erworbener Profit der Arbeit, fondern als wie fich felbft erzeugender Zins des Capitales und wie ohne Arbeit erworben, nur durch die Macht des Befitzes fich felbft fchaffend erfcheint. Da tritt die Frage auf, was in Mitte diefer Bewegung der Antheil der Arbeitsleiftung ift, die ja nicht mehr durch Selbftftändigkeit und Tüchtigkeit, fondern nur als dienftbares Element des Capitales, das heifst der Dampfmafchine fich bewähren kann. Die Antwort, die das Capital auf diefe Frage gab, war der Lohn, der Lohn, der fich einfach durch Nachfrage und Angebot ergibt, und als niederfter Lohn durch die Koften der Arbeit beftimmt wird.

Dafs man in diefer Antwort zuerft allgemein, dann häufig und heute noch im Einzelnen zu weit ging und die Koften der Arbeit nach der äufserften Noth­durft des menfchlichen Lebens berechnete, gehört bereits der Gefchichte an. Man hat allmälig erkennen gelernt, dafs hohe Arbeitslöhne keineswegs immer die Production vertheuern, eben fo wenig als niedrige Arbeitslöhne fie ftets billiger machen. In Rufsland z. B. find ja, wie bekannt, die Nominalpreife der Arbeit billiger als überall in Europa und nichtsdeftoweniger ift die Güter­erzeugung, z. B. die Eifenproduction dafelbft viel koftfpieliger als in England. Es mufste daher Jedermann einleuchten, dafs die lang gepredigte Nothwendigkeit, billige Arbeitslöhne zu behaupten, einmal keine wiffenfchaftliche Berechtigung hat, dafs die Höhe des Lohnes aber auch gar nicht von dem Willen der Menfchen, fondern von den wirthschaftlichen Verhältniffen überhaupt abhängt.

Man hat in einer anderen Richtung die Billigkeit des Arbeitslohnes in der höchften Ausnützung der Arbeitskraft durch die faft übermenfchliche Vermehrung der Arbeitsftunden anzuftreben lange gefucht. Man lernte erft fpäter erkennen dafs ebenfo wenig als niedriger Arbeitslohn ein Zeichen billiger Production ift, ebenfo wenig eine geringere Zahl der Arbeitsftunden als unbedingte Veranlaffung geringerer Production betrachtet werden kann. Der ruffifche Feldarbeiter, um bei dem obigen Beiſpiel zu bleiben, beginnt im Sommer fchon zwifchen 2 und 3 Uhr Morgens feine Arbeit und beendigt fie um 9 Uhr Abends; trotzdem vollbringt ein englifcher Farmarbeiter in feiner zehnftündigen Arbeit das Arbeitsrefultat von zwei ruffifchen Arbeitern. Die Beiſpiele laffen fich fo ins Unendliche vermehren, fo dafs man allgemein annehmen kann, dafs mit der Verminderung der Arbeitszeit bei fonft tüchtiger fittlicher und wirthfchaftlicher Bildung nicht nur die Quantität, fondern auch die Qualität der Arbeit gefteigert wird.

Die Erkenntnifs diefer Grundfätze brauchte lange Jahre, bis fie allgemein wurde, ebenfo wie die Erkenntnifs jener Grundfätze, die den Arbeiter in feinen Forderungen bei der oben angeregten Frage leiten follen.

Von Anfang an war die Frage nach feinem Rechte in eine ganz eigenthüm­liche Geftalt gekommen, und politifche und fociale Verhältniffe drängten fie auf eine ganz merkwürdige Bahn. Wie follte dem Arbeiter auch die oben angeregte Idee feiner Stellung und feiner Berechtigung klar fein zumeift in Mitte des Capitales, das nur zur Geltung kam und der grofsen Induftrie, die fie entwickelte und von diefer felbft nicht begriffen wurde. In der Vernichtung des kleinen Gewerbes fah er durch das grofse Capital feine eigene Freiheit und Zukunft, indem er fie früher immer erreichen konnte, nicht nur begrenzt, fondern zerftört. Er fah fich als ewiger Diener der Mafchine, als Arbeiter in der Fabrik, um fein Leben betrogen. Und doch, je gröfser die Arbeitermaffen wurden, die fich an einem Orte,