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Dr. Carl Th. Richter.
in einem Etabliffement anhäuften und damit zu gleicher Zeit die Maffenproduction förderten, je mehr damit der grofse Induftrielle fich ausbildete, und gerade in der Zahl feiner Arbeiter und Mafchinen feine eigene Gröfse im wirthschaftlichen Leben ausdrückte, feinen Reichthum und feinen Gewinn dadurch bekundete, defto mehr wuchs im Arbeiter das Bewufstfein grofs, dafs er ja allein die Grundlage der wirthfchaftlichen Bedeutung der Unternehmung, die Quelle des Erwerbes und Gewinnes nicht für fich, denn er war mit dem Lohn" von vornherein abgefunden, fondern für den Gefchäftsherrn und Unternehmer fei. Er arbeitete und erzeugte die Güter, der Unternehmer war blofs Befitzer, Befitzer des Capitales, der Unternehmungskraft und darum allein, defshalb nur der Berechtigte für die Ernte des Gewinnes. Je mehr der Capitalsherr im Anfang diefer Bewegung auf den unrechten Boden. des Gedankens ftand, den auch die Wiffenfchaft damals vertrat, durch niedrige Löhne den Gewinn zu vermehren, defto mehr fpitzte und fchärfte fich die Gegnerfchaft zwifchen Arbeitnehmer und Arbeitgeber zu. In dem Kampfe um Verbefferung der Lage des Arbeiters drängte diefer, bald auf politifchen Boden hinüber gerathend, bald dabei fociale Umwälzungen anftrebend, zu dem altchriftlichen Gedanken von der Unfruchtbarkeit des Capitales. Je mehr in der Noth die Sorge um neu zu erwerbende Rechte die Arbeiterclaffen erfafste und verdüfterte, defto berechtigter und natürlicher erfchien ein Gedanke, den im Jahrtaufend fchon wahre und falfche Volksfreunde, Religionslehrer und Reformatoren vertreten hatten, für den auch im XIX. Jahrhunderte reich begabte Männer eintraten, als der wahre Sporn zum Kampfe. Das Capital ift nichts als aufgehäufte Arbeit, Arbeit aber nur vom Arbeiter erzeugt, daher ihm, wenn er Capital nicht befitzt, widerrechtlich entzogen. Capital bildet fich nur durch Arbeit, der Arbeiter daher allein die wahre Quelle des Capitals, Capital wird nur durch Arbeit nutzbar und in feiner Menge wieder nur immer durch Arbeit vermehrt. Der Arbeiter ift daher immer und überall die. Quelle des Capitalbefitzes und der Capitalsvermehrung. In Wirklichkeit ftand aber diefen Schlüffen und Folgerungen der Arbeiter capitallos dem Capitalsbefitzer gegenüber, der befafs und den Befitz vermehrte, ohne zu arbeiten. Der Capitalsbefitzer ift daher, wie er durch unrechtes Gut zum Befitze kam, dauernd der Erbe fremden und ungerechten Gutes. Derjenige, der den berechtigten Anfpruch an den Gewinn hat, derjenige, der eben das Gut erzeugt, wird durch eine verhältnifsmässig geringe Abfchlagszahlung, durch den Lohn, abgefunden. Wenn der Lohn auch an fich nicht unrecht ift, fo ift er doch dauernd und überall für die Leiftung der Arbeit ungenügend und eben darum dennoch unrecht.
Damit war von beiden Seiten die Grundlage jenes grofsen Kampfes gelegt, der das XIX. Jahrhundert bis in unfere Zeit herauf bewegt und den man, als er in die Gefellſchaft eingriff, mit dem kurzem Worte die ,, fociale Frage" nannte. Sie hat in diefem Titel allmälig nicht nur einen wirthfchaftlichen Inhalt, fondern auch und überwiegend einen politifchen. Das Jahr 1848 brachte ihn fehr fcharf zum Ausdruck und um den Namen eines Louis Blanc bewegt fich durch Jahre hindurch nach diefer Richtung hin die Gefchichte. In friedlicheren Zeiten und nach ihm, nahm Ferdinand Laffalle das gleiche Ziel für fein vielbewegtes Leben wieder auf.
Die Zeit reifte auch allmälig die Gedanken, die wir fchon oben ausgedrückt haben und brachte Reformen für Capital und Arbeit, welche die ganze Frage zu löfen verfuchten. Nach der wirthfchaftlichen Entwicklung Europa's fchon, durch die vermehrte Nachfrage nach Gütern, die eine Nachfrage nach Arbeit erzeugte, durch die Entwicklung der Arbeit felbft und der Mafchine wurde die Qualität der Arbeiter von immer gröfserer Wichtigkeit und äufserte fich fortgefetzt im Steigen der Preiſe. Man fah, dafs die Arbeit ein Gut ift, wie das Capital, das durch beftimmte Gefetze beſtimmt geregelt wird. Die Löhne ftiegen in fortgefetzter Weife zuerft durch äufsere Bewegungen, welche die ungerechtfertigt niederen Löhne und defshalb ungerechten Preife der Arbeit befeitigten, dann aber durch die Natur des Gefetzes, dafs die fortfchreitende Gütervermehrung durch die Entwicklung der Güternachfrage nothwendig die Nachfrage nach Arbeit, als eine Lohnerhöhung geftatten