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Allgemeine Bildungsmittel : (Gruppe XXVI, Section 6) ; Bericht / von Rudolf Lechner, Alfred Klaar, Carl Th. Richter
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Dr. Carl Th. Richter.

zahlreichen Statuten und Ausweifen der Vereine und Genoffenfchaften fich bethei­ligt. Neben den zahlreichen Statuten feiner gewerblichen Fachfchulen, die weit bekannt und die in allen gröfseren Städten Frankreichs eingerichtet find, neben feinen reichen, gut eingerichteten Zeichenfchulen, welche in Paris, in Nantes, Evreux, Rochefort fur mer, in Cinguantin, in Rouen, Vichy und in anderen Städten für Knaben und Mädchen eingerichtet find, und welche Frankreich mit einem Heere guter gewerblicher Zeichner ausrüften und in praktiſcher Ordnung für den Lehrling und ftrebfamen Arbeiter eingerichtet, ihre Unterrichtsftunden auf den Abend verlegt haben, neben diefen Inftituten waren durch ihre Statuten und Rechenfchaftsberichte noch vertreten, das ifraelitifche Confiftorium zu Paris, das auf Grund Rothfchild'fcher Stiftungen ein Waifenhaus, Krankenhaus und Afyl und ein Schutzhaus für ifraelitifche Mädchen, auf Grund von Stiftungen Bifchof­heim's, eine Ausbildungsfchule für Mädchen und einem Schutzverein für Arbeite rinen verwaltet. Weiter erfchien die Gefellfchaft der Kinderfreunde aus Paris, welche zu ihrem Zwecke die Unterbringung armer Knaben in die Lehre hat. Dann haben zahlreiche Schutzvereine aus Paris, wie Schutzverein für Lehrlinge und in Fabriken arbeitende Kinder, die Schutzanftalt für junge Arbeiterinen in Paris, die Gefellfchaft für die Erziehung von Knaben der Arbeiterclaffe und zahl­reiche Waifenanftalten aus Paris und anderen Städten Frankreichs ihre Rechen­fchaftsberichte ausgeftellt, bei denen eben nur zu bedauern war, dafs die Berichte verfchloffen und Niemand anwefend war, um Auskunft zu ertheilen. Wir müffen uns begnügen, die Exiftenz zu conftatiren. Beachtenswerth war die von Groult in Vitry fur Seine gegründete Waifenanftalt, in welcher die Kinder nach der Schule in den Werkstätten und der Fabrik allmälig herangezogen und zu Arbeitern aus­gebildet werden. Der fchon während der Lehrzeit gewonnene Arbeitslohn deckt alle Auslagen für die Erziehung des Kindes. Ueberhaupt haben die Waifenhäufer, ob privat oder öffentlich, auf Stiftungsvermögen ruhend oder von den Gemeinden erhalten, eine grofse Aus- und Durchbildung für fich entwickelt und alle Con feffionen ebenfo wie die verfchiedenen Gefellſchaftskreife haben ihre befonderen Afyle und Waifenanftalten.

Die franzöfifchen Arbeitervereine haben fich an der Ausftellung nicht betheiligt, was jedenfalls zu bedauern ift, da in Frankreich alle Arten von Arbeiter­genoffenfchaften und Vereinen einen guten Boden gefunden haben. Es wäre ganz wichtig, bald zu erfahren, wie weit diefe Vereinigungen fich feit der Zeit ent­wickelt haben, als die Einmifchungen des napoleonifchen Regiment fich abfchwäch ten. Freilich ift es bekannt, dafs nur die polizeiliche Einmifchung dauernd Statt hatte, denn mit Stolz haben die Parifer Arbeiter jede materielle Unterſtützung von Seiten Napoleons, wie oft fie ihnen auch angetragen wurde, zurückgewiefen. Auch die franzöfifchen Induftriellen haben diefsmal nicht, wie im Jahre 1867 Bericht über die focialen Inftitutionen bei ihren Fabriken eingefchickt. Aber es ift bekannt und die Inftitutionen von Mühlhaufen, heute freilich Deutſchland angehörend, haben feit langen Jahren den Ruhm franzöfifcher Induftriellen und ihrer Sorge für die Arbeiter erhalten. Jedes grofse Etabliffement, wir erinnern nur an Schneider's Eifengewerke von Creuzot, jedes Etabliffement hat in Frank­reich für feine Arbeiter Schulen, Krankencaffen, Penfionscaffen u. f. w. einge­richtet. Die hundertjährige Gleichheit der Bürger Frankreichs vor Recht und Gefetz, die Ausgleichung der gefellſchaftlichen Claffen, welche einen Standes­unterfchied und am wenigften den zwifchen Arbeiter und Herren fchon lange nicht mehr kennt, hat diefe wohlthätige und fegensreiche Entwicklung unterftützt und befördert. Sicherlich kann nichts die gefellſchaftlichen Zuftände Frankreichs beffer beleuchten, als eine Gefchichte des Arbeiterftandes und feines Lebens und feiner Entwicklung. Wir können nur bedauern, dafs die Wiener Weltausstellung eine folche nicht gebracht hat, denn trotz aller focialen Politik, alles Socialis­mus bis zum Kathederfocialismus haben gerade wir auf diefem Gebiete noch viel zu lernen und viel zu vergeffen. Ebenfo wenig wie Frankreich vollftändig, hat