Die focial- ökonomifchen Bildungsmittel.
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Belgien von feinen zahlreichen focialen Inftitutionen irgend Etwas zur Ausstellung gebracht und doch hat das Land, wie bekannt, die Summe aller Fragen der Entwicklung und des Wohlfeins der arbeitenden Claffen genau ftudirt und in die Praxis eingeführt. Auch die Schweiz hat uns nur mit einzelnen Statuten feiner Gefangsvereine und einzelner wiffenfchaftlicher gemeinnütziger Gefellſchaften ausgezeichnet.
Dagegen hat Schweden eine Reihe von Berichten und Statuten, die durch den vorzüglichen Katalog in der vorzüglichften Weife erläutert waren, gefandt, aus denen wir erkennen, wie reich heute alle Anregungen des Lebens und der Wiffenfchaft in diefem Lande ihre Früchte reifen. Zumeift beziehen fich diefe feine Anftalten auf das weibliche Gefchlecht und die Entwicklung der Erwerbsfähigkeit desfelben. Es lagen auf die Statuten und der Bericht der weiblichen Volks- Hochfchule in Samuelsberg, welche, fo neu fie ift, denn fie wurde 1870 erft gegründet, doch einen gerade für uns Oefterreicher beherzigenswerthen Gedanken enthält. Was thun wir denn für die Entwicklung des weiblichen Gefchlechtes? Was haben wir gethan für die Schulbildung und literarifche Erziehung desfelben? Nichts, gar nichts! Kaum dafs die Privatthätigkeit, die Thätigkeit einzelner Vereine, auf die wir weiter unten zu fprechen kommen werden, die Fragen, welche fich hiebei aufwerfen, annähernd geprüft haben. Und in dem kleinen Schweden, mit etwas mehr als 4 Millionen Seelen, bei welchen freilich das weibliche Gefchlecht etwas überwiegend ift, fehen wir in dem oben genannten Inſtitute eine Schule, welche den Zweck hat, unter den Töchtern des Bauernftandes eine höhere Bildung zu verbreiten, gute Mütter und Erzieherinen aus ihnen zu bilden. Man lehrt fie Religion, die heimifche Sprache, Gefchichte und Geographie, Arithmetik und Geometrie, Buchführung, Naturlehre und Zeichnen. Zahlreiche Arbeits- und Nähfchulen für Kinder der ärmeren Claffe find über das Land verbreitet, in welchen unentgeltlich Unterricht im Spinnen, Weben, Nähen, Zeichnen, Stricken, Häkeln und Strohflechten ertheilt wird; zahlreiche Haushaltungs- Schulen, für deren Zwecke wir bei uns nicht einmal eine Unterrichtsftunde haben, erziehen dem Lande taugliche Dienftboten, gute Arbeiterinen, felbft Lehrerinen und endlich gute Hausfrauen. In Stockholm hat eine folche Anftalt 295 Mädchen in letzter Zeit Unterricht, Unterhalt und Pflege gegeben. Dazu kommen die fogenannten Kinderheine, welche gleichfalls ihre weiblichen Schützlinge zu Dienerinen ausbilden, dann die Flickfchulen, von denen in Stockholm allein 4 mit 16 freiwilligen Lehrerinen und die Sonntags- und Abendfchulen, in denen ärmere Kinder von den Töchtern der gebildeten Claffen unterrichtet werden. In Stockholm dürfte die Zahl der Lehrer und Lehrerinen an diefen Schulen 140 und die Zahl der Zöglinge 2000 betragen. Aus diefem guten, gemeinnützigen Körper fehen wir die tüchtigen weiblichen Lehrer und Künftler hervorgehen. Die„ Zeitfchrift für die Familie" ift von Damen redigirt, unter den Medailleuren ift eine Frau die gefchicktefte und bei der königlichen Münze in Stockholm angeftellt. Bei der königlichen Akademie der Wiffenfchaften leiten Frauen die einzelnen Abtheilungen, fo die zoologifche und geologifche Abtheilung, auch führen Frauen die Rechnungen der Akademie. Eilf Frauenzimmer find als Gehilfinen beim Zeichnen in der Anftalt für Kartenwerke in Stockholm befchäftigt. Als Organiften find 4, als Telegraphiften 168 und als Poft- Stationsvorsteher 38 Frauenzimmer im Staatsdienfte. Faft in allen Gewerben ift das weibliche Gefchlecht vertreten und es gibt weibliche Uhrmacher, Goldfchmiede, Buchbinder, Glafer, Drechsler u. f. w. Und wir quälen uns erft mit der Entfcheidung der Frage ab, ob das weibliche Gefchlecht zur Bildung und zur Wiffenfchaft berufen fei! Wir wiffen nicht, ob man für die gewerbliche Entwicklung Schulen errichten foll, und ob es nützlich fei, dem weiblichen Gefchlechte Erwerbsquellen zu eröffnen.
Deutfchland, die Quelle des Socialismus nach feiner glücklichen, wiffenfchaftlichen und praktifchen Ausbildung hat wie in Paris 1867 auch in Wien 1873 für das ganze Gebiet unferer Betrachtung nichts geliefert. Wohl hat Deutfchland
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