Die focial- ökonomifchen Bildungsmittel.
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Fragen des Weiteren zu erörtern und wir können getroft auf die grofse Literatur derfelben, bis auf die fchönen Arbeiten von Emil Sax herauf und bis auf die Thätigkeit des deutfchen volkswirthfchaftlichen Congreffes 1873, verweifen. Weiter gehört das ganze Gebiet, wie wir fchon angedeutet haben, noch der neueften Zeit an und dürfte im Laufe der Zeit viele Wandlungen durchmachen. Die Frage greift ja fo tief in die Ordnung des Lebens und der Familie ein, und die geficherte Wohnung, der eigene Befitz ift die Quelle des vollen Selbftbewusstfeins, der Liebe und Anhänglichkeit nicht nur zum Haufe und zur Familie, fondern auch zur Heimat und zur bürgerlichen Gefellſchaft. Sie iſt eine Quelle der Ordnung des häuslichen Lebens und zu gleicher Zeit der Ordnung der Gemeinde und fomit auch des Staates.
Das hat man erkannt und wenigftens darüber ift man einig, dafs es mit ein Theil des Glückes und der Ordnung der bürgerlichen Geſellſchaft ift, wenn man wenigftens dem Heere der Arbeiter eine lichte, luftreiche und gefunde Wohnung bietet, Factoren, die alle um fo werthvoller find, je mehr der Befitz der Wohnung zu einem Befitze des Haufes felbft fich ausbildet. Und darauf kehrt auch zum grofsen Theile der Zweifel zurück über die Vortheile des Cottagefyftems und der Kafernirung. Sucht das Erfte das Haus ifolirt oder aus Sparfamkeitsrückfichten im Baumaterial in nur kleinen Gruppen von zwei oder vier Häufern herzuftellen, fo hat das Kafernenfyftem den Plan des Zinshaufes für fich in Anfpruch genommen und fucht bei der Menge der Wohnungen nur durch die Möglichkeit eines billigen Miethzinfes den Bedürfniffen zu genügen. Das Cottagefyftem gibt unzweifelhaft die Möglichkeit des eigenen Befitzes oder wenigftens des allmäligen Erwerbens desfelben. Das Kafernenfyftem kann diefs niemals gewähren, aber es hat in gröfseren Städten, bei Theuerung von Grund und Boden, von Arbeitsmaterial und Arbeitskraft dennoch die Fähigkeit, eine billige und gute Wohnung dem Arbeiter zu bieten. Dafs der Vorzug des Cottage fyftems, den Arbeiter und feine Familie für fich leben zu laffen, fomit unbehelligt und abgefchnitten von jedem näheren Verkehre, ebenso wenig von befonderer Bedeutung ift, als die Nachtheile des Kafernenfyftems, den Arbeiter mit feinen Berufsgenoffen zufammen zu drängen, und durch die Vereinigung der Arbeiter in einem Haufe Streit und Zerwürfnifs fich nothwendig bilden müffe, ift heute ein längft überwundener Standpunkt. In Frankreich hat Napoleon III. in Paris mehrere folche Arbeiterkafernen errichtet, ebenfo wie die Arbeiter felbft fich Arbeiter Zinshäufer gebaut haben, die keineswegs fchlechte Folgen erzeugten. Im Innern Londons beftehen defsgleichen mit grofsem Capital erbaute Zinshäufer, wir erinnern nur an das in Albert Street, Spitalsfield in London für 60 Familien und mehr als 200 unverheiratete Arbeiter errichtete Arbeiter- Zinshaus, das gleichfalls, fo lange es fchon befteht, immer gefucht war und keineswegs zu Unruhen und Streit Veranlaffung gab. Auch Oefterreich kennt derartige Inftitutionen. Die Arbeiter- Zinshäufer je für acht Familien, welche Joh. Liebig in Reichenberg erbaut hat, find bekannt, ebenfo die nach ähnlichen Gefichtspunkten erbauten Häufer auf dem Wiener Berge und zur Wienerberger Ziegelfabriks- Actiengeſellſchaft gehörig. Wir haben uns oft hier wie dort über den Frieden, über die Sauberkeit und Reinlichkeit unterrichten laffen. In neuefter Zeit hat die k. k. privilegirte Südbahn- Gefellfchaft in Meidling bei Wien eine Arbeiterkaferne errichtet, die zur vollen Zufriedenheit der Gefellfchaft geleitet und benützt wird. Wir werden darauf noch des Weiteren zu fprechen kommen.
Für das Cottagefyftem wird man nun freilich überall eintreten müffen, wo Grund- und Bodenpreife, die Arbeits- und Lohnverhältniffe überhaupt, die Errichtung einzelner Arbeiterhäufer und den Uebergang derfelben in das Eigenthum der Arbeiter möglich machen. Seit Jahren ift dafür die Cité ouvrière von Mühlhaufen ein landläufiges Beifpiel, auch was Schönheit, Nützlichkeit und Segen des ganzen Syftems anbelangt, fo dafs gerade wir Oefterreicher ganz vergeffen, dafs wir