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Allgemeine Bildungsmittel : (Gruppe XXVI, Section 6) ; Bericht / von Rudolf Lechner, Alfred Klaar, Carl Th. Richter
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Dr. Carl Th. Richter.

gleichfalls eine folche Arbeiterftadt haben, für welche die Grundfteine viel früher gelegt worden find, als die zur Arbeiterftadt von Mühlhaufen.

Wir werden darauf zu fprechen kommen, denn es thut Noth, auch diefe Inftitutionen bekannt zu machen, nachdem die Franzöfifche, deren Gründung faft durchschnittlich in den Anfang der fechziger Jahre fällt, längst bekannt ift. Guebe­viller, Beaucourt, die Arbeiterhäufer der Eifen- und Kohlengewerkfchaft Creuzot zählen gleichfalls hieher. Wir haben von all dem auf unferer Ausftellung nichts gefehen.

England hat alle Mufter der Arbeiterhäufer bereits praktisch verfucht. Neben feinen Arbeiterkafernen hat es Wohnhäufer für vier Familien, für zwei Familien und hat diefelben theils in Gruppen, in welchen zwei Seiten gemein­fam find, theils in folchen, in denen blofs eine Wand den beiden Häufern gemein­fam ift, errichtet. Auch Deutfchland hat fich feit Jahren mit der Frage befchäftigt und auch zu jeder Ausftellung Mufter und Modelle von Arbeiterhäufern und Wohnungen gefendet. Praktiſch aber ift noch wenig gefchehen. Es fcheint, als ob man zumeift für die grofsen Bevölkerungscentren in der Frage felbft über Art und Weife des Baues, über Lage und Entfernung vom Arbeitsorte noch nicht entfchieden wäre. Es ift in jenen Diftricten, wo Kohlenbau und Eifengewerke betrieben werden, mancherlei, fowohl von Privaten und Gefellſchaften, ebenfo wie vom Staate, wo derfelbe, wie z. B. in Saarbrücken zahlreiche Arbeiter befchäftigt, gar Vieles gefchehen und man hat dabei in erfter Richtung die Wohnung und das billige Wohnen ins Auge gefafst. In einem Berichte über den Saarbrückner Bezirk lag ein erläuternder Text mit mehreren Muſtern von Arbeiterhäufern, welche der Staat erbaut hat, auf, in welchen man wenigftens annähernd fah, dafs in Deutſchland die Frage immer ins Auge gefafst wird.

Gehen wir nun zu den Erfcheinungen und den Material über, welches die Weltausstellung gebracht hat. Wie England feit Langem die Arbeiterhäufer und wie nach feiner praktifchen Richtung auch die Theorie mit gutem Grunde, wie es überhaupt bei der Behandlung der Frage gehalten werden follte, die Arbeiter­häufer in folche auf dem Lande und in folche in den Städten eintheilt, fo müffen auch wir von Vorneherein über diefe dadurch beftimmte Richtung der Arbeiter­häufer einige Worte voraus fenden.

Vor Allem gilt, dafs das bei dem Baue der Arbeiterhäufer benützte Mate­rial immer von den Verhältniffen beftimmt wird, und dafs es demnach nothwendig ift, immer das billigfte Material zu benützen. Dabei ift wohl zu bedenken, dafs die Billigkeit des Materiales nicht allein vom Material felbft, und dem mehr oder weniger grofsen Reichthum eines Ortes an denfelben oder durch die leichtere Beifchaffung beftimmt wird, fondern dafs die entfcheidenden Factoren dabei, die Arbeiter und der Arbeitslohn, Länge und Dauer der Bauführung, von befonderer Wichtigkeit ift. Das hat ja neben der Trockenheit und Feuerficherheit des Mate­riales in England, Frankreich und auch in Deutfchland das Gufs Mauerwerk und die Verwendung desfelben, zumeift bei jenen Bauten, wo Billigkeit und Schnellig­keit der Herstellung in erfter Richtung ftehen, befördert. Die Berechnung ergibt, dafs derartige Häufer um 30 bis 40 Percent und bei der gleichzeitigen Herſtel­lung von mehreren, fogar noch um viel mehr billiger zu ftehen kommen, als die nach anderem Baufyfteme erzeugten. Die Ausftellung hat leider von diefen Ver­fuchen der letzten Jahre nichts zur Anficht gebracht, wie wichtig auch die Sache für grofse Fabriken und dichte Arbeiterbevölkerungen fein mag. Der Berliner Baumeifter E. H. Hoffmann hat wohl ein Modell eines Haufes zur Ausftellung gefandt, das bei der Stettiner Portland- Cementfabrik in Zillchov aus Cement­concret hergeftellt worden ift, bei welchem aber jede Angabe über die Koften des Baues fehlte. Ein anderes, nicht unintereffantes Modell eines Arbeiterhaufes war von E. G. Jaehne, Arzt in Berthelsdorf bei Herrenhut ausgeftellt, das freilich nicht zu der heute in England und Frankreich geübten Baumethode gehört, das aber durch feine überraschende Billigkeit und die Zeit, in der das einen Stock hohe