Dokument 
Allgemeine Bildungsmittel : (Gruppe XXVI, Section 6) ; Bericht / von Rudolf Lechner, Alfred Klaar, Carl Th. Richter
Entstehung
Seite
28
Einzelbild herunterladen

28

Dr. Carl Th. Richter.

der Billigkeit des Baugrundes und zuletzt auch des Baumateriales, denn die Colonie hat ihre eigenen Ziegelfchläge und Steine zur Genüge, verfuchte man, als das Bedürfnifs nach folchen Häufern immer gröfser wurde, einen noch com­fortableren, aber auch verfchwenderifchen Bau. Die dritte Art der Coloniehäufer hat zwei in der Gaffenfront gelegene Zimmer, deren Thüren rechts und links vom Herde in die Küche münden. Von diefer aus gelangt man in die Speisekammer und in ein drittes zu einer Arbeiterwohnung gehöriges und an ledige Arbeiter vermiethbares Stübchen. Zu jedem Haufe gehören noch 10 Quadratklafter Hof, in welchem der Düngerhaufen, ein Schweine- und ein Hühnerftall feinen Raum hat. Der Hof liegt gewöhnlich vor dem Theil des Haufes, durch welchen der Zugang zu demfelben ftattfindet. Die Fenfter der Wohnzimmer dagegen gehen in einen Garten, der in einem Mafse von circa 100 Quadratklaftern gleichfalls jedem Haufe zugetheilt ift und je nach Bedarf, und wir können es fagen, auch Bildung, theils als Blumengarten und fomit als Unterhaltungsort, theils als Gemüfégarten und fomit als wirthschaftliche Nutzung verwerthet wird. Alle Häufer find Doppel­häufer, fo dafs je zwei eine gemeinfchaftliche Seitenwand haben. Im Jahre 1868 beftanden 166 folche Häufer, 1870 fchon 210 und heute 226, von denen 49 bereits Privateigenthum. Sie bilden zufammen die alte Colonie auf dem Bergrücken des Kleinbabas- und Kapofstanthales und die Caffiancolonie, an der feit den letzten drei Jahren fleifsig gefchaffen wurde, das Andenken des gegenwärtigen Directors auch in diefem Gebiete dauernd zu erhalten.

Die Donau- Dampffchifffahrts- Gefellſchaft hat die Häufer aus ihrem Fonde gebaut und vermiethet fie ausfchliefslich an Arbeiterfamilien. Bei einem Zinfe von 3 Gulden 15 Kreuzern per Monat für Haus und Garten und mit Abzug aller Steuerlaften trägt das darin angelegte Capital 3 bis 4 Percent. Das ift fehr wenig bei dem Verdienfte, den man heute aus dem Capital zu ziehen fich gewöhnt hat. Aber man darf die Wohlthätigkeit und den Nutzen der Inftitution nicht darnach bemeffen. Die Nachfrage nach Wohnungen ift eine fehr bedeutende, denn Jeder­mann fühlt, wie behaglich es in den fauberen und freundlichen Häufern unter Bäumen und Blumen zu wohnen ift. Die Gefellfchaft konnte in den Moralitäts­verhältniffen genau mit der Vermehrung der Colonie häufer die wefentlichen Fort­fchritte zum Befferen bemerken. Die Verheiratungen nahmen zu, die unehelichen Kinder in rafcher Progreffion ab. Die Sterblichkeit hat fich bedeutend verringert und das geiftige Leben ist ein vollkommen neugeftaltetes geworden, wie wir fpäter noch darftellen werden. Ein Wechfel der Arbeiter kommt felten, unter den in den Häufern wohnenden gar nicht mehr vor. Die Arbeitsleiftung fteigert fich mit jedem Jahre. Jm Jahre 1870 wurden per Mann im Jahre 299 Schichten gegen 262 des Jahres 1869 verfahren. Die durchfchnittliche Jahresleiftung per Mann, in Kohle ausgedrückt, betrug 3700 Centner oder per Tag 12 bis 13 Centner. Im Jahre 1871 hatte fich die Arbeitsleiftung per Mann um 55 Centner gefteigert und kommt heute den Leiftungen der bedeutenderen Kohlenwerke in Schlefien, an der Ruhr und in der Saargegend gleich.

Das find die Refultate der Wiener Weltausftellung auf dem Gebiete der fogenannten focialen Frage. Sie geben annähernd Zeugnifs, dafs auch in den letzten Jahren rüftig fortgearbeitet worden ift und dafs man fich bemüht hat, fowohl von Seiten der Arbeiter, als von Seiten der Arbeitgeber Neues und Treffliches zu fchaffen, die angeregten Gedanken und Thatfachen einer früheren Zeit glücklich auszubilden. Dafs dabei gerade bei uns in Oefterreich nach vielen Richtungen hin die Thätigkeit und Fürforge der Arbeitgeber überwiegend ift, darf keineswegs auffallen. Die auf einem breiteren Boden der Volksbildung ent­wickelten Elemente der focialen Frage in Deutfchland, auf einer gröfseren focialen Ausgleichung und gefellſchaftlichen Freiheit in Frankreich gefchaffenen, ähnlichen Inftitutionen bedurften weniger der Unterſtützung der Reichen und Begüterten. In Oefterreich aber fehlte lange das erfte fördernde Element und fehlt heute noch das, was Frankreich auszeichnet. Es mufste daher, wir möchten fagen von Oben