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Der Welthandel : (Additionelle Ausstellung Nr. 6) ; Bericht / von Carl Thomas Richter
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Der Welthandel.

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Laufe des ganzen XV. Jahrhunderts im beftändigen Sinken begriffen und von 10 Percent am Anfang der Zeit auf 5 Percent im Jahre 1480 herabgegangen und Niemand dachte in diefer Zeit der Wohlhabenheit mehr an das Gebot, das einft Papft Alexander gegeben hatte, dafs nur Juden Capital gegen Zinfen ausleihen dürfen und Wucherer kein Begräbnifs haben follten.

Allein, die Zeit ift uns doch in ihrer ganzen Macht entrückt und kaum lebt eine leife Erinnerung an fie in uns auf, wenn wir heute diefelben Handelswege wieder auffuchen und auf den Wegen und Pfaden, auf denen einft die Karawanen dahinzogen oder die Züge der Maulthiere die Reichthümer der Erde trugen, die feften Eifenfchienen legen. Und auch das ift leicht erklärlich. Die beiden Handels­mächte, Hanfa und Venedig, die beiden Handelsgebiete des Nordens und Südens hatten keinen Zufammenhang untereinander, fie hatten kein nationales Fundament, fie waren Bündniffe, keine Reiche, Intereffengemeinfchaften, keine Staaten und mufsten, ob Genuefer, Venetianer oder Hanfabürger vor der Macht der nationalen Staaten, die allmälig zum Bewufstfein gelangen, der Nationalitäten, die in Sprache, Sitte und Intereffengemeinfchaft fich immer fefter aneinander fchliefsen, weichen und endlich ganz verfchwinden. Ereigniffe, mächtiger als jene der Kreuzzüge, die Seefahrten und Entdeckungen Columbus' und Vasco de Gamas' verändern die Richtung der europäifchen Wirthschaftsgefchichte, des Handels und der Handelswege.

Wenn wir Europa, das unter allen Welttheilen am mannigfaltigften geftaltet ift, in feiner gefchichtlichen Entwicklung und feiner geographifchen Lage zu den anderen Welttheilen betrachten, fo erkennen wir eine ganz beftimmte Neigung des füdöftlichen Europa zum füdlichen, des nordöftlichen Europa zum nörd­lichen Afien. Dem Süden und Südweften Europas fteht Afrika gegenüber, dem Nordweften die neue Welt, Amerika und Auftralien. Sehen wir ab von diefen fpät entdeckten Welttheilen, fo find mit den erwähnten Beziehungen die grofsen Weltverkehrs- Linien gegeben, die durch Jahrtaufende die ganze Welt in ihrer Culturbewegung einander nahe gebracht haben. Nach viel hundertjähriger Ver­geffenheit! Sollen diefe Wege nicht heute wieder von der gröfsten Wichtigkeit werden, nicht heute wieder das füdöftliche Europa mit Mitteleuropa zu einem neuen, in feiner ganzen Gröfse noch ungeahnten Leben wachrufen? Wenn die türkifchen Bahnen ausgebaut, Griechenland mit dem türkifchen Littorale verbunden ift, Dalmatien durch Eifenbahnen durchfchnitten wird, wenn Wilhelm Preffel feine Chemins de fer de l'Anatolie wirklich vollendet, Ismit- Angora, Mudamia- Bruffa­Lefke und Kutahia- Eskifchehr Sivri- Hiffar ausgebaut ift, wenn endlich die Euphrat­bahn nicht mehr ein Project und das indifche Eifenbahnnetz in fo rafcher Ent­wicklung, in der es begriffen ift, wirklich fich vollendet, follen dann die alten Handelsftrafsen nicht wirklich neu belebt, ein neues Leben nicht wieder erzeugen? Wird dann der für den altgriechifchen Handel einft fo bedeutende Boden trotz feines heutigen Brachliegens nicht wieder neu belebt werden und wird neben Olivenöl und Opium, das in grofser Menge in den kleinafiatifchen Hochebenen heute gewonnen wird, nicht Getreide, Tabak, Bau- und Werkholz der Welt fich bieten, werden Silber-, Kupfer- und Kohlenbergwerke in Anatolien nicht einen mächtigen Ertrag liefern, Wolle und Häute nicht wieder in den Handel mächtig eingreifen, Salz in Millionen Werth fchaffen, nachdem die Salinen von Smyrna in den letzten fechziger Jahren fchon 32 Millionen Piafter jährlich Ertrag abgeworfen haben? Und, nachdem mit der Durchftechung der Landenge von Suez ein neuer, kurzer Seeweg den Nothweg um das Cap der guten Hoffnung entbehrlich macht, werden die Völker, die durch Jahrhunderte des Mittelalters den indifch- europäifchen Handel geleitet haben, nicht wieder ihre Wege nach Indien fuchen? Doch wir wollen der gefchichtlichen Entwicklung nicht vorgreifen. Die Gegenwart drängt zu diefer Geftaltung eines Theiles des Welthandels hin und fchon fehen wir Mil­lionen von Europa ausgegeben, um an allen nur möglichen Punkten die Alpen zu überfteigen oder zu durchbrechen, um an der neuen Handelsftrafse des füdlichen