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noch bis zum 9. November die durch Tierleichen verseuchten Wasserlöcher von Oz-Ombu und Orlogsende besetzt. Dem edlen Wetteifer der am 29. Oktober selbst erst von dem fürchterlichen Zuge zurückgekommenen Mannschaften ist es zu danken, daß alle zurückgebliebenen Mannschaften gerettet wurden. Mehr als einer ging am Tage nach seiner Ankunft an der Wasserstelle noch 10 bis 20 Kilometer mit Wasscrgefäßen zurück, um den Kameraden Hilfe zu bringen. Viele hörte man sagen: „Wie weit noch zum Wasser?" — „Noch eine Stunde!" — „Noch eine Stunde? das schaff' ich nicht mehr!" Und man schaffte es doch, und dann war die Quelle leer! Wißt ihr, was das heißt, wenn man sich da verzweifelt zu Boden schmeißt? Weinen möcht' man, weinen in einem fort! Aber auch der Tränenstrom, auch der ist verdorrt.
Karl Hertel,
ehem. Reiter der Kaiserl. Schutztruppe für D.-Südwestafrika, z. Zt. Berlin.
-K *
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Aus den Kämpfen Leutweins gegen Hendrik Witbooi in der Nauklust, August, September 1894.
Skizze des Gefechts von Gurus am 2., 3. und 4. September 1894.
I.
Todesritt der Patrouille Diestel.
Mit den Resten der 1. und 3. Kompagnie war ich Hendrik Witbooi jetzt sechs Tage ununterbrochen auf der Fährte. Wir, Mann wie Pferd, hatten während dieser Verfolgung durch das wildzerklüftete Naukluftgebirge, häufig bei völligem Mangel an Wasser und Proviant, an Überwindung von Strapazen, das Menschenmögliche geleistet. Es war Sedantag. Ich machte mit meinem Detachement gegen 10 Uhr an einer Wasserstelle, in einer tief eingeschnittenen Schlucht, halt. Frühstückspause. Das Frühstück bestand aus frischem Quellwasser.
Ich hatte mir vorgenommen, wenn ich heute Hendrik nicht zum Stehen bringen könnte, die nächste Nacht einen Überfall auf sein Lager zu versuchen. Seit dem Gefecht bei Gams, am 30. August, hatten wir die Hottentotten fast stets in Reichweite, ohne sie erreichen zu können. Wir wollten sie nun forcieren. Das ewige Nachlaufen unter so schwierigen Umständen mußte ein Ende haben. Heute sollte es dieses finden.
Nach einer halben Stunde Rast brach mein lieber Freund, der Premierleutnant Diestel, welcher mich gebeten hatte, als Offizierspatrouille vor der Spitze reiten zu dürfen, auf. Ich sollte ihn lebend nicht wiedersehen.
Wir waren noch nicht lange marschiert, als Diestel die Meldung schickte, die Gänge zu beiden Seiten der Schlucht würden so steil, daß sie für Patrouillen unpassierbar wären, er schlüge vor, das Detachement in kleineren Abteilungen, in Abständen, marschieren zu lassen. Ich konnte mich zu dieser Teilung nicht verstehen und schob lediglich den Leutnant Lampe*) mit zehn Mann zwischen Spitze und Hauptabteilung. Gegen 12 Uhr kamen nacheinander drei Reiter von der Spitze, zwei verwundet, mit der Meldung, die Patrouille Diestel und die Spitze seien von allen Seiten stark beschossen worden. Der letzte Reiter meldete, daß vorn wohl keinesfalls noch jemand lebe. Ich ließ, so gut und so schnell es das Gebirge gestattete, Gefechtsstellung einnehmen und begann nun dort das Gefecht, welches 40 Stunden dauern sollte und in welchem die Hottentotten ihre letzte Wasserstelle im Gebirge bei Gurus mit einer Hartnäckigkeit verteidigten, die uns alle in Erstaunen setzte.
Das Tal des meist unterirdisch fließenden Flusses, in dem wir uns befanden, war anfänglich breit und mit Bäumen bestanden, dann verengte es sich immer mehr. An der
*) Leutnant Lampe, gefallen im Gefecht bei Gobabis gegen Hereros und Hottentotten, April 1896.