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kommenden Nacht, nicht ohne eigene Verluste, wiederholt Versuche der Hottentotten, ihn aus seiner Position zu drücken, zurückweisen.
Als die Witboois uns auch rechts zu umgehen versuchten, sandte ich den Unteroffizier Froede^) mit einigen Leuten dorthin, welcher sich seinen Posten erst mit Verlusten auf beiden Seiten erobern mußte.
Bald nach Sonnenuntergang versuchte ein Trupp Witboois, in die Schlucht einzudringen, wurde aber mit blutigen Köpfen durch heftiges Feuer von der Hauptabteilung zurückgetrieben. Trotzdem gelang es diesen raffinierten Pferdedieben, wie sich später herausstellte, während der Nacht 17 unserer Pferde mit voller Ausrüstung zu stehlen.
Die eisig kalte Nacht verbrachte jedermann mit Gewehr im Arm, ohne Mantel, ohne Decke, ohne jeden Proviant. Vereinzelte Schüsse fielen während ihrer ganzen Dauer. Mit Morgengrauen setzte das Feuergefecht auf allen Punkten mit gleicher Heftigkeit wie tags zuvor wieder ein. Aber wir konnten doch sehen, was um uns vorging, und die Sonne durchwärmte wieder die erstarrten Glieder.
III.
Wo bleibt die Proviantkolonne?
Hendrik Witbooi hatte die Nacht nicht ungenutzt vorübergehen lassen. Abgesehen davon, daß er uns Pferde gestohlen hatte, war es ihm gelungen, uns in der rechten Flanke zu umgehen, so daß ich ihn durch ein heftiges Gefecht erst wieder aus meinem Rücken vertreiben lassen mußte. So verging der Tag unter Hoffnungen und Befürchtungen, aber im dauernden Feuergefechte mit unverminderter Heftigkeit. Eine Proviantkolonne, unter Leutnant Troost^), die mir in der Nacht gemeldet worden war und die wir, auch wegen der 10000 Patronen, die sie mit sich brachte, sehnsüchtig erwarteten, traf nicht ein. Leutnant Troost hatte sich, als er vor sich das heftige Feuergefecht hörte, nach vorn begeben und war noch in der Nacht zur Abteilung Volkmann gestoßen, wo er dann während der ganzen Gefechtsdauer verblieb. Der Unteroffizier, dem er das Kommando über die Kolonne übertragen hatte, war nicht weitermarschiert und traf erst zwei Tage nach dem Gefecht bei uns ein. Wir mußten also weiter hungern und dursten, nur einigen Leuten war es gelungen, während der Gefechtsdauer Stücke Fleisch von gefallenen Pferden zu schneiden und sie halb roh zu verzehren.
In der feindlichen Gefechtslinie bemerkten wir während des ganzen Tages eine auffallende Bewegung, ein Kommen und Gehen von Trupps, Auftauchen und Verschwinden einzelner Leute, wiederholte Versuche, den Eingang zu unserer Stellung, den Bergriegel, welchen Lampe besetzt hielt, zu nehmen oder zu umgehen. Die Bedeutung aller dieser Manöver haben wir später erst erkannt. Der Feind suchte Wasser. Er wußte, daß hinter dem Riegel, wo unsere Pferde standen, ein Wassertümpel war, an anderer Stelle hatte er solches nicht finden können. Die Nacht brach an, sie verging wie die letzte. Der Morgen wurde wieder mit heftigem Schießen von beiden Seiten begrüßt. Gegen 9 Uhr wurde das Schießen des Gegners schwächer, dann verstummte es ganz. Da trifft vom äußersten Posten die Meldung ein, daß die Witboois beginnen, ihre Stellung zu räumen. Ich lasse, Leutnant Schwabe in der Avantgarde, das Detachement dem Feinde folgen.
C. von Perbandt, Hauptmann a. D.,
_ z. Zt. Feldafing b. München.
0 Vizefeldwebcl Froede zeichnete sich besonders im Aufstande der Owabandjcrn und Khauas- Hottentotten 1896 aus, wurde mit dem Militärehrenzeichen 1. und 2. Klasse dekoriert, hat sich dann später leider erschossen.
2) Oberleutnant Troost richtete später, mit erheblichen eigenen Mitteln, eine Postdampferlinie zwischen Swakopmund und Kapstadt ein, um der Kolonie eine bessere Postverbindung mit Europa zu verschaffen.