Dokument 
Der Gartenbau : (Gruppe II, Section 5) ; Bericht / von Eduard Fenzl
Entstehung
Seite
2
Einzelbild herunterladen

2

Dr. Eduard Fenzl.

Bislange haben tiefeingewurzelter Kaftengeift und Vorurtheile aller Art zumeift ein einträchtiges Zufammengehen der Landwirthe und Gärtner auf folchen Ausstellungen, mit feltenen Ausnahmen, unmöglich gemacht.

Erft in neuerer Zeit findet, weniger in richtiger Erkenntnifs der Natur­nothwendigkeit, als aus localen und finanziellen Rückfichten, eine gröfsere An­näherung beider Lager ftatt, und trügen nicht alle Zeichen, fo wird mit der fort­fchreitenden Entwicklung beider Zweige der Bodencultur felbe bald eine fehr innige werden. Als die nächften Berührungspunkte zwifchen beiden erweifen fich jetzt fchon die von ihnen gemeinfam gepflegte Obft- und Gemüfezucht. Entfernt werden fich wohl immer gewiffe Zweige der Landwirthschaft, als zu differente Richtungen verfolgend( wie die Zucht der Hausthiere, beftimmte Zweige des Gartenbaues, wie der von Zierpflanzen), bleiben; dagegen werden die Samenzucht und die Landfchaftsgärtnerei fich als weitere vermittelnde Glieder zwifchen beiden Hauptrichtungen der Bodencultur einfügen.

Beide Culturzweige find gegenwärtig in allen hochcivilifirten Staaten zu einem folchen Grade von Entwicklung gelangt, dafs jeder weitere Fortfchritt in denfelben, fobald er anfängt Gemeingut von Taufenden zu werden, Reformbewe gung im Handel und Wandel der daran betheiligten Staaten unvermeidlich nach fich zieht. Wenn in diefer Beziehung die Landwirthfchaft in ihrer Totalität die weitaus wichtigere und für die Nationalökonomie mafsgebendere Rolle spielt, fo liegt diefs in der Natur der von ihr erzeugten und gepflegten, die Existenz des Menfchen abfolut bedingenden Producte, während der Gartenbau nur Objecte des höheren Comforts fchafft und mehrt.

Das Profperiren derfelben hängt defshalb, abgefehen von ganz beftimmten tellurifchen und klimatifchen Verhältniffen eines ganzen Landes, zumeift von der Höhe und dem Stande der allgemeinen Volksbildung ab.

Der Gartenbau kann unter dem Zufammenwirken verfchiedener günftiger Um­ftände geradezu erftaunenswerthe Dimenfionen erreichen, und in feinem finanziellen Ertrag die der Landwirthfchaft in weitem Umkreife fogar in Schatten ftellen. Der fchlagendfte Beweis für die Richtigkeit diefer etwas übertrieben fcheinenden Behauptung liefert Belgien, von deffen ländlicher, auf die Bodencultur ange­wiefener Bevölkerung vielleicht nahezu die Hälfte theils ausfchliefslich, theils neben dem Feldbau noch Gartenbau mit entfchiedenem Vortheil treibt. Das ganze ungefähr 563 Quadratmeilen grofse Land ift zu einem grofsen Theile mit Gärten aller Art und jeder Gröfse überfäet, und der gemeinfte Mann verſteht dafelbft aus feinem Gärtchen Capital zu fchlagen Die Stadt Gent, gegenwärtig das Emporium für Ziergärtnerei in Europa, zählt nicht weniger als 200 Handels­gärtnereien der verfchiedenften Gröfse, welche fich nur mit der Anzucht von Zier­pflanzen und Obftbäumen edlerer Sorte befchäftigen. Ihre Gewächshäufer, auf einem Raum zufammengedrängt gedacht, würden eine mit Glas bedeckte Fläche von 7 Hektaren( 19.600 Quadratklafter öfterreichifchen Mafses) bilden, unter welcher fie jährlich eine Pflanzenmaffe von 2,705.000 bis 3.542.000 Individuen im Handelswerthe von 5.930.000 bis 7,705.000 Francs* ziehen.

Eine Thatfache, der fich unter gleichen räumlichen Verhältniffen keine ähnliche in diefer Hinficht an die Seite ftellen kann und fchlagender als jede andere Ausführung beweift, welchen Rang der Gartenbau in diefem Lande unter den übrigen Factoren des Nationalwohlftandes einnimmt. In ähnlicher Weife, nur nicht in fo riefigen Dimenfionen geftalten fich die Verhältniffe des Gartenbaues in Holland und in England. In Norddeutfchland hat fich Erfurt durch die Zucht von Samen der beliebteften Zierpflanzen des freien Grundes und feiner Gemüſe zum Sitze des ausgedehnteften Samenhandels von ganz Mitteleuropa emporgefchwungen. Aus O efterreich allein fliefsen diefer Stadt jährlich

* Berechnet nach den fpeciellen Mittheilungen des Herrn Profeffors Van Houlle in Gent hierüber. Siehe ,, Gartenfreund" Journal der k. k. Gartenbau- Ge fell fchaft in Wien, Jahrgang VI( 1873), p. 113 und Corrigenda am Schluffe des Inhaltsverzeichniffes.

-