Dokument 
Flachs- und Hanf-Industrie : (Gruppe V, Section 3) ; Bericht ; Der Internationale Congress der Flachs-Interessenten / von Carl von Oberleithner/ bearb. von Arthur von Hohenbruck
Entstehung
Seite
24
Einzelbild herunterladen

24

Carl v. Oberleithner.

levirt ift, die Karten ausgefchlagen, die Stoffe gewebt, gebleicht und appretirt find, der wird ftaunen, was von manchen Fabrikanten in der Vorführung gediegener Mufter aus Anlafs der Wiener Weltausftellung geleiftet wurde.

An Webevorrichtungen find derzeit für die Gebildwaaren- Erzeugung der Schaftftuhl, die Jacquardmafchine für reinen Jacquard und die Jacquard­mafchine in Verbindung mit Schäften( Vorzeug) wohl nur mehr ausfchliefslich in Function, feitdem der Zugftuhl durch Jacquard's geniale Erfindung über­flügelt wurde.

Die Erzeugung von Gefchachtmuſtern ſcheint einigermafsen vernachläffigt zu werden. Nicht als ob die Qualitäten der ausgeftellten Zwilch-, Handtuch­und Tifchzeuge, oder deren Weberei irgend etwas zu wünſchen gelaffen hätten. Aber dafs ein Stillſtand in der Hervorbringung neuer Mufter eingetreten iſt, das mufs man conftatiren. Erklären läfst fich diefe Erfcheinung nur durch die gröfsere Freiheit, welche die Jacquardmafchine für die Herſtellung von Muſtern gegenüber dem Vorzug darbietet. Der Jacquardmafchine gehört denn auch die Zukunft, nachdem fie in der mechanifchen Weberei der Gebildwaaren die Hauptrolle fpielt. Staunenswerth ift der Fortfchritt, den die Leinenjacquards erkennen laffen. Die Ausftellung hatte hievon ehrende Beweife geliefert. Da bei den Jacquards je an einer Schnur nur eine Helfe, alfo auch nur ein Faden functionirt, fo erfcheinen ihre Gebilde je um fo vieles kleiner, als man beim Damaft mehr Helfen an einer Schnur anbringt. Diefer Umftand hat nun eine Reihe von höchft finnreichen Schnürungen des Harnifch nothwendig gemacht, welche den Zweck haben, namentlich die Borduren möglichft in derfelben Breite auszufertigen, wie felbe beim Damaft üblich find. Die Einführung des reinen Jacquard in der Leinen- Gebildwaaren- Fabrication dürfte in Oefterreich in die zweite Hälfte der vierziger Jahre fallen. Sie iſt eine bedeutende Errun­genfchaft, denn während insbefondere die fünffchäftigen Damaftgewebe, welche man bis dort für die ordinären Sorten wählte, ein äufserft communes Ausfehen aufweifen, find die Jacquards desfelben Feinheitsgrades fchon ganz reizende Gebilde. Durch die bei ihrer Herftellung auf dem Handftuhl gemachten Erfah­rungen wird auch der Uebergang zur mechanifchen Weberei wefentlich

erleichtert.

Bei dem Damaft unterfcheidet man den fünfbündigen, achtbündigen; felten kommt der zwölfbündige Damaft vor. Der achtbündige Damaft läfst das Leinengewebe wohl ordinärer erfcheinen als der fünfbündige. Der Erftere hebt aber das Mufter vom Grunde mehr ab, und follte daher vorgezogen werden. Ebenfo ift einzelnen Fabrikanten mehr Umficht in der Wahl der Platinenzahl zu empfehlen. Es kommt leider häufig vor, dafs man für Damafte Mafchinen von allzu niederer Platinenzahl wählt; die Conturen werden da zackig, unfchön und das Mufter wirft nicht. Anderfeits dürfte den Zeichnern zu rathen fein, der möglichften Ausnützung der Mafchine im Mufter mehr Rech­nung zu tragen, als diefs bei vielen Damaften zu erfehen war.

Bleiche und Appretur fpielen bei den Leinengebilden eine gleich­wichtige Rolle. Wieder ift es die Beatlemafchine, welche unter Mitwirkung des Calanders es ermöglicht, die Conturen des Deffins vortheilhaft vom Atlas abzu­heben. Ihre meifterhafte Anwendung, namentlich von Seite der öfterreichifchen Gebildwaaren- Fabrication, hat in der Weltausftellung Bewunderung erregt.

Die Engländer excellirten diefsmal nur mit hochfeinen Oeuil de perdrix, fchwedifchen und wenigen anderen gebleichten Tafelzeugen Mit dem Mufter­gefchmack, welchen die naturellen Kaffeetücher eines irifchen Haufes bekundeten, dürften fich wohl kaum viele Befucher der Ausftellung befreundet haben. Was daran nicht Copie der Grofs- Schönauer Vorbilder war, liefs bezüglich Gefchmack Manches zu wünfchen übrig.

J. Caffe in Lille hatte gleichfalls das hellgelbe Garn für die Kette feiner einfchlägigen Gebildwaaren gewählt, aber unvergleichlich frifcher war