Dokument 
Die Thonwaaren-Industrie (Gruppe IX, Section 2) : Bericht / von Emil Teirich
Entstehung
Seite
27
Einzelbild herunterladen

Die Thonwaaren- Induftrie.

27

Die Schwierigkeiten, welche die Eigenfchaften des Schwindens und Reifsens der Thone beim Trocknen und Brennen der Erzeugung gröfserer, ebener Flächenplatten entgegegenfetzen, die weiteren, welche entſtanden, als man ver­fuchte, folche Flächen auch noch mit einer gleichmäfsigen einfärbigen oder gar decorirten Glafur zu überziehen, bewogen zur Anwendung der Plaftik in der mittelalterlichen Kunfttöpferei und dem Beibehalten möglichft gleichfärbiger Stücke, die felten eine gröfsere Ausdehnung erhielten.

In der Zeit vom XIII. Jahrhundert bis fpät in das XVII. hinein blühte in Mittel- und Süd- Deutfchland die Kunft der Töpferei, theilweife noch unter dem Einfluffe des romanifchen Stiles, entwickelt fich zur Blüthe in der Zeit der Gothik und bringt viele Entwürfe der fogenannten kleinen Meifter der deutfchen Renaiffance zur Ausführung. Die Architektur bemächtigte fich hier des Stoffes.

In Deutfchland ift es die Ofenkachel, welche meift grün glafirt und mit Plaftik geziert wird. Auch das Einpreffen von Verzierungen und das Ueberziehen der Fläche mittelft einer leichtflüffigen, durchfichtigen Glafur, welche die Vertiefung ausfüllt und damit den Deffin dunkler vom Grunde abhebt, oder das Ausfüllen der Vertiefungen mit andersfärbiger Glafur als dem Grundton, wird geübt und findet fich an altdeutfchen und franzöfifchen Fufsboden- Platten und Wandfliefen in ähn­licher Weife, wie wir es an den Majolica tiles von Minton und Minton Hollins auf der Ausftellung fahen. Ueberhaupt bilden folche Platten einen Hauptzweig der Thonwaaren- Kunft, denn gar häufig werden fie zur Decoration der Flächen als Belag mit beftem Erfolge benützt. Unter fichtlich italienifchem Einfluffe arbeitet die Künftlerfamilie der Hirfchvogel in Nürnberg ihre Kacheln, Platten und Krüge. Nach und nach tritt auch hier noch die Schmelzmalerei hinzu, bleibt aber immer unvollkommen und roh. Es ftehen ihr zu wenige Farben und eine zu wenig ver­feinerte Technik zu Gebote.

Unterdeffen hatte Italien die Kunft erlernt, den gefärbten Thonfcherben mit einer weifsen, opaken Zinnglafur zu überziehen und einen vollſtändig decken­den Ueberzug der Grundmaffe zu geben. Man fagt, die fpanifchen Mauren wären. die Lehrmeifter gewefen und die Infel Majorca die Schule. Gewifs ift, dafs diefe von den Völkern des Orients fchon gekannte und an Pracht- und Nutzgefäfsen fchon immer angewandte Kunft um das Ende des XIV. Jahrhundertes in Italien

auftauchte.

Auch dort hatte man fchon lange den Mangel eines völlig deckenden Ueberzuges für den unfchön gefärbten Thongrund gefühlt und durch das Ver­fahren des Engobirens zu helfen gefucht. Das ungebrannte Thonftück wurde in eine aufgefchlämmte, dünnbreiige Maffe eines feinen, weifsen Thones getaucht, getrocknet und diefer matte Ueberzug durch Einbrennen fixirt. Erft darauf wurde eine färbige Glafurdecke gegeben. Fliefen und Bauornamente aus jener Zeit find an Kirchenfaçaden und an Innenräumen aufbehalten geblieben.

Pefaro, eine Stadt in Umbrien, war wohl die Hauptftätte diefer Fabrication und das Centrum einer Thätigkeit, die aus den Kinderfchuhen des Handwerks­Brauches unter dem Schutze der Sforza und Medicis zur Kunstinduftrie empor­wuchs. Die Erzeugniffe derfelben find unter dem Namen Mezzamajolica allent­halben bekannt, vielfach von Kunftliebhabern gefchätzt und beliebt und darum von jeher und bis auf die heutige Zeit ein Gegenftand der fpeculativen Imitation, von der uns beifpielweife die italienifche keramifche Ausftellung Beiſpiele zur Genüge brachte.

Luca della Robbia, der berühmte Florentiner Plaftiker, bemächtigte fich zuerft der für Italien neuen Kunft und überzog feine Reliefs mit jener opaken Zinnglafur als Bafis für feine übrige Farbenpalette, die, wenn auch nicht allzureich, fo doch namentlich für ornamentale Zwecke genügend war.

Die Renaiffance übte damals ihren vollen Zauber auf die Kunftinduftrie Italiens. Unter ihrem mächtigen Einfluffe wuchs und entfaltete fich der Sinn für das Schöne, die Kraft einer unendlich fruchtbaren, künftlerifchen Conception