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J. Weidmann.
genagelte Glasfpiegel vertheilt, worauf man papierne Figuren, wie felbe bei Gratulationskarten vorkommen, aufgeklebt hatte. Doch genug davon.
Die Productivgefellſchaft der Tafchner hatte unter Anderem einen eingerichteten Sack ausgeftellt, der mit 1000 fl. notirt war. Er war gut, was Naht und techniſche Ausführung anbelangt, nur zu reich ausgeftattet, wie feiner Gefchmack es nicht wünſcht. Ueberhaupt ift es ein charakteriftifcher Zug unferer Tafchner, dafs fie glauben, das Beftechendfte zu leiften, indem fie nach irgend einer in der Regel nicht fehr werthvollen Zeichnung Pappendeckel ausfchneiden, unter das Aufsenleder kleben und die Contouren mit färbiger Seide abfteppen.
Neue, originelle oder befonders praktiſche Formen, welche wohl in diefem Fache fehr fchwer zu erfinden find, waren auch auf der Wiener Ausftellung nicht; möchten aber alle Tafchner eine einfache, prunklofe, dem Zwecke entſprechende Richtung annehmen, wie es fchon Viele gethan, fo würden fie bedeutend Edleres erzielen, als durch diefe gewerblichen Spielereien.
Was Ungarn gebracht, ift wohl meift Wiener Fabricat. So ftellte Posner aus Peft eine Sammlung fehr fchöner Albums aus, welche zu irgend einem beftimmten Zwecke gedient hatten und ihm von dem jetzigen Befitzer leihweife überlaffen wurden, und welche alle Erzeugniffe aus Ed. Becher's Fabrik in Wien find.
Deutfches Reich. Wien zunächft wird wohl, fpricht man von Lederwaaren- Induftrie, am meiften Offenbach, in neuer Zeit auch Berlin, München, Stuttgart genannt. Offenbach ift bedeutend in feinen couranten, praktifchen Artikeln; die Waare ift bei billigem Preife doch gut und zweckmäfsig gearbeitet, befitzt aber bei Weitem nicht die raffinirte Zierlichkeit der Wiener Artikel. Hauptfächlich verlegen fich die Offenbacher auf Erzeugung kleiner, nothwendiger Gegenstände, als Vifitekarten- Täfchchen, Brieftafchen mit. grofsem Beutel für ihre lieben Thaler, fowie auch Unmaffen ganz einfacher Beutel zu ftaunend niederen Preifen. Die meiften gröfseren Fabrikanten erzeugen alle Beftandtheile ihrer Waaren im Haufe. Sie verarbeiten faft nur mittelmäfsige Lederforten und füttern ihre Artikel nicht wie wir mit Seide, fondern gewöhnlich mit Leder, was fie billiger und dauerhafter macht. Auch hier treffen wir faft durchwegs Wiener Mufter, wenn auch von früheren Jahrgängen und da und dort verändert, aber nirgends verbeffert.
Jacob Mönch& Comp. ift wohl eine der erften Firmen dort, demzunächft dürften Bofen& Comp. ftehen, die aber nicht ausgeftellt hatten; Lehmann brachte hübfche weiche Waare aus Kalbleder, E. Knieppe hatte einige nette Albums ausgeftellt, Koch's Waaren gehören zu den beften Offenbachs. Holz warth& Löffel erzeugen die billigften Mufter, beiläufig wie in Oefterreich die Firma L. Nowak aus Prag. Man bekommt dort ein Dutzend Portemonnaies um 65 kr., das Dutzend zu I fl. 50 kr. gehört da fchon zu den Luxusgegenständen. Freilich ift Alles daran nur Papier und Leinwand, bei den beften Waaren Spaltleder und wird die Arbeit in Strafanftalten oder von Knaben und Mädchen erzeugt.
Bofart, der nur Gegenftände mit Spielwerken ausgeftellt hatte, hat durch feine Formen, Lederthürme u. f. w. zur Gefchmacksverfeinerung in der Kunftinduftrie eben nicht beigetragen. Ihm zur Seite ftand ein zweiter Ausfteller der mit Leder überzogene, als Neceffaires dienende Bierkrüge, Drehorgeln mit einem mit Leder überzogenem Manne und Aehnliches brachte. Haas& Comp. hatten eine ziemlich reiche und gut fortirte Ausftellung, find jedoch Kaufleute und nicht Fabrikanten. Diefelben konnten demnach leicht Mannigfaltiges bringen, da fie die Ideen und verfchiedenen Fabricate von vielen Fabrikanten fammeln und fo verhältnifsmäfsig billiger mit fortirten Muftern verfehen fein konnten. Wer es weifs, was es heifst, ein neues Mufter in einer Fabrik einzurichten, und welchen Koftenaufwand diefs erfordert, wird uns gewifs recht geben.