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Dr. Eduard Schmidt.
aber auch an anderen Orten werden ganz feine Liqueure fabricirt und ftehen in der Gunft des Publicums; wir verweifen nur auf die Chartreufe und Benedictine. Mit Verdienftmedaillen ausgezeichnet wurden für eine grofse Auswahl feinerer Crêmes und Liqueurs die Firmen M. Brizard& Boger von Bordeaux, Cufenier& Cie. von Paris, P. Dandicolle& Gaudin von Bordeaux, A. Lamart fils von Calais, Legrand von Paris, für feinere Liqueure,„ La Benedictine", Marchand frères von Paris, G. Rochat von Lyon. Nicht unerwähnt dürfen wir die Fabrication des amerikanifchen„ Bitter" laffen, welcher vor einigen Jahren aus den Vereinigten Staaten Amerikas eingeführt, jetzt aber aus Frankreich, als viel feiner, nach dorthin bedeutend exportirt wird. Die Subftanzen, welche dazu verwendet werden find Enzianwurzeln, Wermuthkraut, entmarkte Pomeranzenfchalen und etwas frifche Pomeranzenblüthen, aus welchen eine Tinctur von 40 Percent Alkohol bereitet und mit Zucker verfetzt wird. Schliefslich müffen wir auch des Wermuths gedenken, welcher im füdlichen Frankreich aus Wermuthkraut mit Wein, dem man 5 bis 6 Percent Weinfprit und ungefähr 10 Percent Muscatwein hinzufetzt, bereitet wird. Die jährliche Production von Wermuth foll bei 300.000 Hektoliter betragen, wovon die Hälfte von Bordeaux und Cette exportirt wird. Die Preife der franzöfifchen Weinbranntweine und Liqueure variiren je nach dem Alter und der Feinheit des Bouquets von 3 bis 12 Francs per Flafche.
Effige. Frankreich ift in der glücklichen Lage, feine Speife- Effige gröfstentheils aus Wein in vorzüglichfter Qualität nach dem verbefferten Verfahren Pafteur's in der Umgebung von Orleans, Montpellier und Nimes erzeugen zu können und damit trotz der hohen Preife von 30 bis 60 Francs per Hektoliter einen bedeutenden Export zu erzielen. Die franzöfifchen Effige haben neben dem allen Weineffigen eigenthümlichen ätherartigen und erfrifchenden feinen Gefchmack die Eigenfchaft, ftets klar zu verbleiben und nie kahmig zu werden, und foll diefs nach Pafteur's Beobachtungen durch Erwärmen des Weines vor der Effigfabrication, fowie des einmal fertigen Effigs erzielt werden. Die von Laroque aus Bordeaux fowie von den landwirth fchaftlichen Gefellfchaften von Montpellier und Nimes ausgeftellten Effige waren ausgezeichnet fein und wurden von der Jury prämiirt.
Algerien und die franzöfifchen Colonien find durch 108 Ausfteller in der Section C der Gruppe IV vertreten. Durch die Entwicklung der Weincultur und Landwirthschaft im Allgemeinen, durch eine reiche Production an Getreide und an zuckerhaltigen Subftanzen hat die Spiritusfabrication in Algerien den geeigneten Boden für ein gewinnbringendes Gewerbe gefunden, wo der Abfatz des Productes durch klimatifche Verhältniffe und durch Urbarmachung einer jungfräulichen Erde bedingt war. Die Coloniften fowie die Armee, bereits im Mutterlande an den Genufs alkoholifcher Getränke gewöhnt, haben in Algerien einen fo mafslofen Mifsbrauch mit betäubenden Liqueuren, namentlich von Abfynth gemacht, dafs fie fich damit mehr als durch das Fieber gefchadet haben und die Regierung veranlafst wurde, diefes Getränk, nämlich den Abfynth, zu verbieten.
Durch Schaden klug geworden, verlegte man fich auf die Erzeugung tonifch ftimulirender Aquavite und Liqueure, welche mit Ingredienzen von Quinquina, Enzian, Kalmus, Orangenfchalen, Alkohol und Zucker unter dem Namen ,, afrikanifcher Bitter"( Amer africain) in Philippeville von der Firma Picou in fehr grofsem Mafsftabe fabricirt wird. Zum Entfchalen der nöthigen Orangen bedient man fich einiger Mafchinen, von denen jede im Tage 4 bis 5000 Orangen fchält. Diefe entmarkten Schalen werden mit 60 Percent Sprit digerirt und als Tinctur bis zur Deftillation aufbewahrt.
Die Stoffe, aus welchen man in Algerien Branntwein und Spiritus gewinnt, find in erfter Linie Weine und deren Rückftände, die dort fehr billigen Feigen