Dokument 
Transportmittel und anderes Betriebsmaterial für Eisenbahnen : (Gruppe XIII, Section 4) ; Bericht / von Emil Tilp, Maschinen- und Werkstätten-Inspector der Kaiser Franz Josefbahn
Entstehung
Seite
27
Einzelbild herunterladen

Transportmittel und anderes Betriebsmaterial für Eifenbahnen.

27

Schlafwagen, nämlich folche Wagen, deren Sitze fämmtlich in comfor­table Betten umftaltbar find, erfchienen in der Wiener Ausftellung zum erftenmale. Der, von der öfterreichifchen Nordbahn in deren Pavillon ausgeftellte, nach Becker's Angabe, von Klett& Comp. in Nürnberg ausgeführte Schlafwagen hält zehn Sitze, umzugeftalten in ebenfoviele Lagerftätten. Derfelbe ift ein 8.900 Meter langer Intercommunications- Wagen mit zwei Achfen. An den Stirnfeiten find gefchloffene Plateaux, beiderfeits durch Stiegen zugänglich. Ein in der Breite knapp bemeffener Gang verbindet fie, und ift nicht genau in der Mitte gelegen. Der Kaften hat gerade Wände und einen Aufbau der ganzen Länge nach, das Innere ift durch eine nahe zur Decke reichende Längen- Scheidewand in zwei Hälften, eine diefer Hälften durch Querwände in drei abgefonderte Cabinen getheilt, die durch verfchliefsbare, in den Gang fich öffnende Thüren zugänglich find, je zwei gegenüberliegende Sitze enthalten, wovon der eine die ganze Breite einnimmt, fo dafs zwei Perfonen und ein Kind Platz finden. Durch Zufammenfchieben und Bedecken mit Matratze ergibt fich ein Bett, ausreichend für eine Perfon und ein Kind. Ein an der einen Querwand jeder Cabine befeftigter Charniertifch( auch als Wafch­tifch benützbar), darüber ein Spiegel, eine Lefelampe bilden den übrigen Comfort. Das oberhalb der Sitze auffchlagbare, bei Tage gegen das Dach aufgezogene Hängeblatt dient der zweiten, refp. dritten Perfon.

Die zweite, fchmälere Hälfte des Wagens bietet noch vier, je zwei gegen­überftehende, Einzelfitze mit derfelben Betteinrichtung und ift abfperrbar gegen den Gang mittelft Vorhang. Den verfügbaren Reft nehmen Toilette und Clofet ein. Thamm's Heizung completirt die Einrichtung.

Die Schlafwagen, wie fie von der Compagnie Internationale des Waggons Lits( Belgien) gebaut und an die Eifenbahnen des Continents verliehen wer­den, und wie fie die Waggonfabriken in Simmering und Hernals bei Wien auch ausgeftellt hatten, find nach dem Coupéfyftem. In der Mitte jeder Langfeite ift eine Thür, die in einen Mittel- oder Vorraum mit Sitzen für Diener, fowie mit Toilette und Clofet beiderfeits und einen Zwifchenraum führt, durch welchen man in das Endcoupé mit 4 Sitzen gelangt. Aus dem Mittelraum führt eine Thür zu den zwei vierfitzigen, durch Querwand und Thür getrennten übrigen Coupés, fo dafs der Wagen 12 Sitze, eventuell 12 Schlafftellen befitzt. Das nach der Mitte auffteigende Dach hat einen Aufbau der Länge nach. Ein Lufttele­graph vermittelt die Correfpondenz zum Diener. Die Heizung ift nach Thamm und Rothmüller.

Die Umftaltung der Sitze gefchieht ähnlich wie beim Nordbahn- Wagen, indem zwei gegenüberliegende Sitze die ebenerdige, ein aufgehängtes, herabzu­laffendes, mittelft Leiter zu erfteigendes Bett darüber, die obere Schlafftelle bildet. Zu wünfchen wäre noch etwas mehr Raum für Handgepäck und eine kräf­tigere Ventilation für die kleinen, in kurzer Zeit überhitzten Schlafräume; das Abhängigkeitsverhältnifs der Schlafenden von einander beim Beginne und Ende der Nacht ift wohl nicht zu befeitigen, ohne die Zahl der Sitzplätte empfindlich zu fchmälern. Das todte Gewicht folcher Wagen ftellt fich mit II 3 Tons gegen 12 Sitze ohne dies höchft ungünftig.

Die äufsere Kaftenlänge ift 7.700 Meter, Breite 2.700 Meter, Höhe in der Mitte 2.750 Meter, Lichte eines Coupés 1850 Meter lang, Radftand 4 100 Meter.

Obige Gefellſchaft baut diefe Wagen auf ihre Koften, verleiht fie an die Bahnanftalten unentgeltlich und zieht ihre Rente aus dem Plus, welches der Rei­fende per Bett und Nacht über den an die Bahn zu erftattenden Fahrpreis I. Classe an fie entrichtet, wogegen fie jedem Wagen einen Diener und die nöthige Bett­wäsche beigibt, auch die innere Erhaltung des Wagens beftreitet. Bis jetzt follen fünfzehn folcher Wagen im Betriebe fein.

Ein ruffifcher fechsrädriger Schlafwagen mit Salon und Coupés, die durch einen Gang der Länge nach gefchieden, auf der breiten Seite je zwei, auf der fchmäleren je einen Sitz gegenüber haben, ift einfacher eingerichtet. Die Schlaf­