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Strassen-Fuhrwerke und andere Transportmittel : (Gruppe XIII, Section 5) ; Bericht / von M. B. Rideli, Ing. in Wien
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M. B. Rideli.

erhielten. Der Wagenkaften felbft bekam eine ovale Form und die ehemaligen Schrotleitern fammt der Langwied wurden, um das Durchlaufen der Vorderräder beim Umwenden zu ermöglichen, beim Felgenkranz- Vordergeftelle fchwanenhals­artig ausgebogen, und das ganze Fuhrwerk Berline" genannt, wahrfcheinlich um den Ursprung diefer ftattgefundenen Neuerung für die nachfolgenden Zeiten ficherzuftellen.

Erft feit diefer Zeit ift durch die Einführung der elaftifchen Stahl- Wagen­federn die Riemen- und Kettenaufhängung ganz aus der Mode gekommen, fowie der Kunftausdruck, Riemenwinden" im Wagenbaue felbft obfolet geworden.

Die Herrfchaft der S- förmigen Wagenfedern dauerte nur kurze Zeit und wurden diefelben bald von den Parifer Wagenbauern, nachdem die Refforts à la Polignac fich hierauf nur eines kurzen Interregnums erfreuen konnten, durch die C- förmige oder fogenannte Schneckenfeder( Reffort à limaçon) definitiv erfetzt, welche Federgattung während eines Zeitraumes von über 100 Jahren beim Wagen­baue ausfchliefslich in Verwendung ftand.

Der günftige Umftand, dafs der Equipagefeder- Fabrikant J. Mokhoff aus Moskau die Wiener Weltausftellung mit einer Suite von allen gegenwärtig gebräuch­lichen Wagenfedern unter Beigabe eines Feder- Dynamometers befchickte, macht es möglich, den von Mokho ff anfchaulich gemachten, in Rufsland feit einiger Zeit mit viel Erfolg cultivirten Fabricationszweig mit der fucceffiven Entwicklung der Wagenfeder zu verbinden.

Unter den von J. Mokhoff ausgeftellten, fehr gut gearbeiteten Gufsftahl­Wagenfedern befanden fich auch die oben erwähnten C- Federn, wovon nach­ftehende Fig. 6 eine derlei lofe und Fig 7 eine Schneckenfeder mit der gegen­wärtig gebräuchlichften Riemenbefeftigung mittelft Wellbaum, Zackenblatt und Windenkloben darftellt.

Der Bedarf beinahe fämmtlicher in Europa während des vorigen Jahr­hundertes gebrauchten Hof- und Staats- Caroffen wurde von den Parifer Wagen­bauern gedeckt und davon ein namhafter Theil von dem Hofe von England fammt der Nobility und Gentry confumirt. Seitdem haben fich die Verhältniffe namentlich in Folge der fucceffiven in Frankreich ftattgefundenen Umwälzungen bedeutend geändert und find bereits in der erften Hälfte diefes Säculums die englifchen Wagenbauer definitiv in den Vordergrund getreten.

Neben dem mit C- Federn und Langbäumen verfehenen Luxuswagen kamen bei den englifchen Wagenfabrikanten ebenfo mannigfaltige als originelle Wagenformen zur Ausführung.

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Beim zweirädrigen, in England feit jeher der allge­meinften Beliebtheit fich erfreuenden Karren fing man bald an, den Kaften auf zwei elliptifche Federn von bedeutender Spreng­weite und Pfeilhöhe aufzufetzen, wodurch anfänglich jeder Stofs, dem Sprunge der Heufchrecken nicht unähnlich, den Kaften fammt dem höchft refpectablen outfide Paffenger" bemerkbar in die Höhe fchnellte und diefer Federform ziemlich rafch zu der allgemein gewordenen Benennung ,, grashoppers" verhalf. Die Wagenbau- Anftalten in Limmeriek und Southamp­ton, die leider in Wien gar nicht vertreten waren, die jedoch bekannterweife feit jeher die billigften, wenn auch von den Fran­zofen als en pacotille" verfchrieenen Luxuswagen in grofsen Maffen für den Export fabriciren, waren die erften, welche die Verwendung der grashoppers" auch bei vierrädrigen Wagen verfuchten und dadurch vor ungefähr 40 Jahren eine grofse Veränderung

im Wagenbau her

vorbrachten.

Fig. 6.