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IV. Aussergewöhnliche Unterbauten.
Zwischen den beiden Tunneln befand sich, wie Figur 1 und Figur 3, Blatt II, dies näher verdeutlichen, vor einem kurzen, aber 23 Meter hohen Damme, ein sogenannter Bachtunnel, welcher die Wasser des Mühlthalbaches, anstatt auf der Sohle des Thales nunmehr unterirdisch unter dem Anfange des felsigen Einschnittes des Bahnkörpers wegführte.
Gegen die Berglehne war das alte Bachbett durch eine Deponirung des Tunnelmateriales verstürzt, welche zum Damme gehörte, so dass der Damm nur eine thalseitige Böschung hatte. Die aussergewöhnlich starken Schneemengen im Winter 1870/71 brachten im Frühjahre 1871 durch rasche Schmelzung und durch warme, starke Regen unterstützt, eine solche grosse und rapide Menge Wassers zu Thal, dass viele Stellen der Brennerbahn, besonders aber die hier geschilderte Stelle devastirt wurden.
Am 18. Juni 1871 strömten bei 26 Grad Réaumur im steilen Mühlthalbache so gewaltige Wassermassen herab, dass Steine von 11 Kubikmeter und grosse Baumstämme mitgeführt wurden, und dass sich der 14 Quadratmeter freie Fläche haltende Bachtunnel trotz seines Gefälles von 18.4%, verstopfte.
Die Wassermassen stauten sich auf, überstiegen die genannte Deponirung, drangen in den Mühlthaltunnel ein, und ein Theil der Wasser floss brausend durch diesen in 1:40 liegenden Bahntunnel, während der andere Theil den Damm überspülte und diesen durchriss. Am Abende des 19. Juni war der Damm schon auf 13 Meter Tiefe und 55 Meter Weite durchgerissen und waren binnen 20 Stunden 30.000 Kubikmeter felsiges Dammmaterial in die Tiefe des Silflusses geschwemmt, wobei der Umstand eintrat, dass das Bahngeleise im Zusammenhange blieb und in der auf Figur 5 angedeuteten Curve A' B' C' D' über dem Abgrunde gefahrdrohend schwebte. Es trat nun an die Organe der Bahnerhaltung die höchst schwierige technische Aufgabe heran, die Betriebsunterbrechung sofort durch ein Provisorium und dann möglichst rasch definitiv zu beheben.
a) Provisorium.
Für das Provisorium wurde die Herstellung einer hölzernen Brücke gewählt, welche in Figur 5 verdeutlicht ist. Schon am 20. Juni