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Objecte der Kunst und Gewerbe früherer Zeiten : (Exposition des Amateurs ; Gruppe XXIV) ; Bericht / von Carl Lind
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Dr. Carl Lind.

den Schale oder Schüffel, die dann heraufgezogen oder niedergelaffen werden konnte. Oefters hing diefes Gefäfs auch über dem Taufbecken und dürfte diefs mit der Uebung im Zufammenhange geftanden fein, dafs Täuflinge nach dem Tauf­acte das heilige Abendmahl empfingen. Da aber feit dem fpäteren Mittelalter eine andere Behältnifsform für die Aufbewahrung der Euchariftie gewählt wurde, fo verfchwand die Columba aus dem kirchlichen Gebrauche. Die zweite, aber fel­tener vorkommende Beftimmung der Columba ift die des Chrismariums, zur Auf bewahrung des Chrifams, eine Beftimmung, welche die beiden in Rede ftehenden Gefäfse mit Rückficht auf ihre ganz kleine, büchfenartige Höhlung gehabt haben dürften.

Von eigenthümlicher Form ift das vom Stifte Melk ausgeftellte und aus dem XII. Jahrhunderte ftammende Reliquiar. Es ift aus Kupfer angefertigt und ver goldet, I Fufs hoch, mifst 6 Zoll im Durchmeffer und ftellt in ziemlich plumper Arbeit einen weiblichen, mit einer Krone bedeckten Kopf vor, deffen Haare in zwei nach rückwärts hängenden Zöpfen geflochten find. Den Kronreif zieren ein­gravirte Ornamente und ein abwechfelnd aus Kleeblättern und vier einfachen Rundblättern gebildeter Diadembefatz. Augen und Mund fcheinen bemalt gewefen zu fein. Am Scheitel des Kopfes ift ein grofser Deckel zum Oeffnen des Gefäfses; derfelbe ift auf der Aufsenfeite mit fchwungvollen, romanifchen Laubornamenten und Thiergeftalten reich gefchmückt. Der ungarifche Archäolog Arnold Ipoly. Stummer, Bifchof von Neufohl, will in diefem Gefäfse das Behältnifs für die aus dem Kopfe beftehende Reliquie des heiligen Koloman erkennen.

Grofse Bewunderung fand in archäologifchen Kreifen das bisher unbekannte Reliquienkreuz aus dem Stifte St. Paul, auf deffen Exiſtenz Prälat Sebaftian Brunner zuerft aufmerkfam gemacht hat. Die Kreuze, deren Gebrauch fich in der chriftlichen Kirche fchon bis in die Zeit der diocletianifchen Verfolgung erweifen läfst, wurden in der romanifchen Periode je nach ihrer Beftimmung als Vortrage oder Standkreuz, oder als Bruftkreuz mit grofsem Luxus ausgestattet.

Das erwähnte Reliquienkreuz, im Innern aus hartem Holze gebaut, zeigt nach Aufsen auf der Vorderfeite eine aus dünnen Goldplatten gebildete Verklei­dung, befetzt mit Edelſteinen und Gemmen, auf der Kehrfeite Metallplatten und darein gravirte Infchriften und Vorftellungen. Das Kreuz ift 83 Centimeter hoch, der Querbalken hat 66 Centimeter und ift an feinen Enden, wie auch das Kopf­ende, mit je einem Qu drate abgefchloffen, welches um einen Centimeter über das Kreuz herausragt. In der Mitte des Kreuzes wird unter einer Kryftall- Glas fcheibe der eigentliche Kreuzpartikel aufbewahrt. Im Ganzen ift die vordere Kreuzfläche mit 170 Steinen gefchmückt, die den dünnen Goldblechen angefügt find, darunter Saphire und andere werthvolle ungefchliffene Edelſteine, auch finden fich werthvolle Onyxe und Carneole; mitunter wurde auch an Stellen, wo Edelſteine abhanden gekommen, gefchliffenes, färbiges Glas eingefügt. Unter diefen Steinen befinden fich 3 egyptifche Skarabäen, I gefchnittener Amethyft, 2 Carneole, dann 24 verfchiedene alte Gemmen in Carneol, Amethyft, Lapis lazuli, Achat und Onyx gefchnitten. Die Zwifchenräume der gefafsten Steine find mit feinem doppeldrähtigem Filigran decorirt. Die Rückfeite des Kreuzes ift durchwegs mit vergoldetem Silber überzogen. In fünf Oeffnungen, die mit feiner, durchbrochener Arbeit gefchloffen find, waren früher an hundert Heiligen reliquien aufbewahrt. Selbe find nicht mehr darinnen, die Verkleidung ift gegen­wärtig zum Theil weggeriffen, die Namen der Heiligen aber befinden fich auf der Metallfläche eingravirt. Um diefe fünf Oeffnungen zeigen fich gravirte Heiligen­geftalten. An den vier Enden des Balkens find die Symbole der vier Evangeliften angebracht. Die Gefchichte diefes Kreuzes läfst fich in Folgendem zufammenfaffen: Die Kreuzpartikel wurde vor dem Jahre 1077 durch die Königin Adelheid dem Stifte Sct. Blafien übergeben. Selbe bekam von dem Abte Uto( 1100 bis 1108) eine Faffung von Bronce. Abt Guntherus( 1141 bis 1170) entkleidete fie diefer und