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Bildende Kunst der Gegenwart : (Gruppe XXV) ; Bericht / von Josef Bayer und Josef Langl
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Dr. Jofef Bayer.

ftück abgelagert hat. Damit in dem Bilde ja die letzte Spur der Confequenz ge­tilgt fei, ift auch fchon der maurifche Stil in der Architektur anticipirt, fo dafs man annehmen mufs, die Alexandrinifche Bibliothek fei bereits eine arabifche Stiftung. Wenn fich das Bild für ein hiftorifch angeregtes Traumgeficht ausgibt, fo mag es als ein folches gelten; in einem anderen Sinne wiffen wir anderen nüchternen Leute trotz des effectvollen Arrangements, das für den erften Blick imponiren mag, kaum eine rationelle Deutung des feltfamen Werkes zu finden. Eine Anknüpfung an die guten Vorbilder der grofsen einheimifchen Kunftzeiten tritt uns, wie fchon eingangs bemerkt wurde, nur hie und da als Er­gebnifs individueller Studien entgegen. Dafs die vereinzelten modernen Künftler Italiens, die wir auf diefem Wege antreffen, nicht, wie fo manche fromme deutſche Maler fich in die Prä- Rafaeliten verfchauen und mit affectirter Kindlichkeit archai­firen, damit hätte man wohl keinen Grund, unzufrieden zu fein. Amos Caffioli gemahnt uns zwar in feinem vortrefflichen Bilde Salvani fammelt Almofen, um feinen Freund aus dem Gefängniffe loszukaufen", an die Weife gewiffer Quatro. centiften, wenn diefe, wie Filippino Lippi, Carpaccio und Andere die legenda­rifchen Vorgänge und Wundergefchichten in die Canäle und Strafsen oder auf den Marktplatz ihrer Heimatftädte verfetzen und die zahlreich herbeiftrömenden Bürger zu unmittelbaren Zeugen derfelben machen. Die Freude am Charakteriſti fchen, das durchbrechende Intereffe am gegenwärtigen realen Leben, das damals plötzlich fich regte, gab fich bekanntlich mit einem frifchen und fröhlichen Uebermafse kund, das uns ganz eigen anmuthet: ftatt einiger bezeichnenden Typen geben jene Maler deren gleich ein ganzes Gedränge und bringen fo die ftädtifche Landsmannfchaft nach allen Gilden und Zünften zu Ehren. Ein alt­italienifches Strafsenbild diefer Art von feinempfundenem, ganz wenig alter thümelndem Realismus gibt uns nun Caffioli in feinem verdienftvollen Bilde. In bezeichnenden, genreartigen Details, in der Ausführung des Epifodifchen nach der älteren Manier durchaus nicht fparfam, zeigt diefes Bild in den Gruppen, wie in den einzelnen Figuren ganz die liebevoll detaillirende Charakteriſtik, die der Meifter jenen Quatrocentiften nicht fowohl abgefchaut, als nachempfunden zu haben fcheint. Jofef Bertini aus Mailand gibt uns in feinem Gemälde, Leo­nardo da Vinci und Beatrice d'Efte" die Darftellung einer Atelierfitzung; ein be­kanntes, nicht fehr zu empfehlendes Thema, das Gefchäft des Malens wieder zu malen. In der Behandlung der Contour und der verfchmolzenen, etwas lackartig wirkenden Farbe fucht fich der Maler einigermassen der alten lombardifchen Schule zu nähern; er fcheint aber diefes nur dem Gegenftande zu Gefallen, aus dem Refpect vor dem Atelier Leonardos gethan zu haben. Seine vorherrschende Malweife ift diefs nicht, wie feine anderen, durchaus modern colorirten Bilder ,, Franz I. und Marfchall Trivulcio" und das fein und elegant gemalte Porträt der Princeffin Margharita, fowie ein zweites meifterhaftes, all' amico Tinzi" be­zeichnet ausreichend bewiefen.

Anton Ciferi's Niedermetzelung der Makkabäer" zeigt ein Compofi­tionsgefühl im gröfseren Sinne, eine ernfte gediegene Auffaffung und jenen bedeutenden Zug, wie er der richtig verftandenen Aufgabe des Hiftorienbildes gemäfs ift. Ciferi ift ein Florentiner. Man darf wohl annehmen, dafs das Studium der Meifter der fpätflorentinifchen Schule aus der zweiten Hälfte des XVI. und dem Anfange des XVII. Jahrhundertes fowohl in der Farbe, wie in der Compofi tion nicht ohne Einfluss auf ihn geblieben ift. Man glaubt fich da nicht allzuweit von Aleffandro Alori und Cigoli zu befinden, ohne dafs dabei die Selbſtſtändig keit des modernen Meifters Abbruch leidet.

Die Neigung zur Allegorie, die gelegentlich hervortritt, wäre wohl gleichfalls fo ein Stück Gedankenerbfchaft aus der Renaiffance. Ich hätte gegen diefe Kunftgattung nicht fo viel einzuwenden, als vom Standpunkte gewiffer äfthetiſcher Theorien dagegen geltend gemacht wurde. Wenn die Kunft einmal durch den Rationalismus und eine nüchterne Lebensauffaffung entgöttert ift, wenn