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Bildende Kunst der Gegenwart : (Gruppe XXV) ; Bericht / von Josef Bayer und Josef Langl
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Die Malerei.

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die religiöfen Ideale künftlerifch abfterben oder nur fchattenhaft reproducirt werden, dann bietet die Allegorie ein gewiffes Erfatzmittel für die höhere Ideal­welt dar, welche die Kunft doch fchwer zu miffen vermag. Die Renaiffance hat neben die Geftalten der kirchlichen Legende und die wiederzurückgeführten Götter des heidnifchen Olymps eine reiche Fülle allegorifcher Erfindungen hin­geftellt, denen fie beinahe den Hauch individuellen Lebens zu geben wufste. Raphael, der unvergleichlichfte Meifter der legendarifchen und hiftorifchen Kunft, war auch zugleich der genialfte Allegoriker unter den Cinquecentiften; doch gehört eben die volle Reinheit des Umriffes, eine gewiffe gedankenhafte Hoheit des Stiles und Klarheit der auszudrückenden Beziehungen nothwendig dazu, um diefe Art künftlerifcher Ausdrucksweife zu rechtfertigen und die äfthetifchen Bedenken gegen diefelbe zu widerlegen. Die klügelnde und überladene, bald nüchterne und bald wieder fchwülftige Allegorik der Spätrenaiffance und des Zopfes ift aller dings wieder ganz angethan, der Ablehnung der Theorie Recht zu geben. Eugen Agneni, ein Hauptvertreter der neuallegorifchen Richtung, behandelt nun diefe Art von Gedankenmalerei wieder in fehlerhaft modernem Sinne mit dem aus­gefprochenen Streben, in den Contraften fchlagend, in den auszudrückenden Gedanken fcharf pointirt zu wirken. Sein Hauptthema ift der Kampf der Natur­mächte mit der Eifenbahn- und Induftrialcultur der Gegenwart oder vielmehr das tragifche Erliegen der erfteren unter der fiegreich vordringenden Gewalt der kühnften menfchlichen Unternehmungen. Der Durchftich der Landenge von Suez, die Bohrung des Tunnels im Mont Cenis, der Maffenmord der Dryaden beim Aus­hauen der Forfte werden in diefer Weife finnbildlich gefafst. Es find in Handlung gefetzte Allegorien mit einer gleichfam leidenfchaftlichen Spannung der Gegenfätze.

Es war diefs einftmals die königliche Domäne des Rubens, die Allegorie zu dramatifiren und zu einer effectvollen Handlung zu fteigern; er dichtete da völlig als Maler, während der moderne Italiener die gefucht verwegenen Einfälle feines Kopfes nur mit unzureichendem Pinfel zu illuftriren vermag. Das Auszudrückende geht nicht in der malerifchen Ausdrucksweife auf. Wir fehen da lauter Abfichten, aber keine in künftlerifches Gleichgewicht gebrachte Compofitionen vor uns. Er ift weder Colorift noch Stilift, obgleich er von Beiden etwas borgt und ebenso diefe beiden Darftellungsweifen mit einander verwirrt. Die mehr als Tableau aufgeftellte Allegorie, welche die Einheit Italien" verfinnlichen foll, macht die Compofitions­fehler und den Mangel an reinem Liniengefühl um fo bemerkbarer, weil wir uns da auf dem geläufigeren Boden des allegorifchen Schemas befinden und die Ausrede auf das Gewagte und Aufsergewöhnliche des Vorwurfes wegfällt.

Einen breiten Raum- fo fcheint es nimmt in der italienifchen Malerei der Cultus der nationalen Gefchichtserinnerungen ein, insbesondere jener der Vorgefchichte der Italia una und jener Opfer und Leiden, die den Prolog zur Begründung der jetzigen politifchen Zuftände der Halbinsel bildeten. Es geht bei folchen Darftellungen nicht ohne einen gewiffen theatralifchen Zug ab; gleich­wohl finde ich hier das ftoffliche Intereffe in der Kunft trotz aller gegentheiligen äfthetiſchen Auseinanderfetzungen berechtigt. Es mag immerhin den patriotifch gefinnten Maler reizen, eine künftlerische Satisfaction an den widerftrebenden Gewalten zu nehmen, welche die Wünsche der Nation hintertreiben wollten und die Vorkämpfer derfelben dem Kerkerdunkel oder dem Tode überlieferten. Schlecht kommen dabei insbefondere die Bourbonen weg; fo zeigt uns der Neapo­litaner Nicolo Parifi das Schickfal des Patrioten Carlo Poerio, der auf Befehl der Bourbonen mit gemeinen Sträflingen zufammengekettet wird, und Raphael Tancredi fucht uns, in eine frühere Zeit zurückgreifend, durch die Scene zu erfchüttern, wie der neapolitanifche Admiral Caracciolo einem niedrigen, perfiden Verrathe zum Opfer fällt.

In diefen und ähnlichen Bildern liegt eine gewiffe fenfationelle Schau­ftellung nationalen Unglücks, aber fie find jedenfalls mit Verve gemalt und echt

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