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Bildende Kunst der Gegenwart : (Gruppe XXV) ; Bericht / von Josef Bayer und Josef Langl
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Dr. Jofef Bayer.

italieniſch empfunden. An Kriegsbildern aus der Zeit der letzten Kämpfe ift noch weniger ein Mangel. Die gröfste Wirkung unter denfelben machte des Römers Mich. Cammarano Erinnerung an den Feldzug von 1870". Es ftellt eine Bajonnette Attaque italienifcher Berfaglieri in vollem Sturmlauf dar und hat durchaus jenen efprit militaire", den die Franzofen feit Horace Vernet vom Kriegsbilde verlangen, fogar mit einem ftarken Anfluge prahlerifcher Bravour. Man fieht nicht ohne Bangen diefer rabiaten Tapferkeit in die wild entflammten Augen, umfomehr, da die ftürmende Colonne, von Sonnengluth ebenso wie von kriegerifcher Leidenfchaft erhitzt, direct auf den Befchauer in feindfeligfter Abficht fich ftürzt. Das Bild ift übrigens von der vortrefflichften coloriftifchen Wirkung und war äufserlich wohl das effectvollfte der italienifchen Ausftellung.

Neben den neu- italienifchen Erinnerungen wird auch fleifsig in der älteren italienifchen Gefchichte zurückgeblättert; in der Regel treiben aber da die italienifchen Maler blofse Specialgefchichte, zunächft novelliftifch und romanhaft mit möglichfter Hervorhebung des fpannenden Momentes. Wir befinden uns da irgendwo zwifchen hiftorifchen Roman- und Opernfcenen, aber nirgends auf dem Boden des echten Hiftorienbildes; im beften Falle treffen wir auf noble repräfen­tative Haltung oder ftarke leidenfchaftliche Aeufserungen des nationalen Naturells, aber felten oder nie auf eine Durchgeiftigung des Stoffes in höherem Sinne. Der Ueberfall, die auf der Lauer ftehende Rache, der zum Stofs bereite Dolch kehren mehrfach wieder, und Gegenftände diefer Art fcheinen in der Wahl der Maler bevorzugt zu fein. So die Epiſode aus der florentinifchen Gefchichte, die Cefar Muffini aus Mailand malte: Der Bruder Imelda's dei Lambertazzi, der ihr und ihrem Geliebten, dem Feinde feines Gefchlechtes, auflauert und das kofende Paar überfällt; dann eine andere Epifode, ebendaher entlehnt, wieder von einem Mai­länder El. Pagliano: Die Verfchwörung der Amedei gegen Buondelmonte, der von den Brüdern und Vettern feiner Geliebten an der Schwelle des Haufes ermordet wird. Das letzte Bild namentlich ift prächtig gemalt und gibt die leiden­fchaftliche Spannung des Momentes mit grofser Wahrheit wieder: es läfst fich diefem Bilde gegenüber nicht läugnen, das der Italiener fo eine Verfchwörung auch mit malerifchem Kennerblicke zu erfaffen verfteht. Der Venetianer Raphael Giannetti fchildert uns einen chevaleresken Act Giovanni Barbarigo's, der der Königin Maria von Ungarn die Freiheit fchenkt, im grofsen Format, aber mehr in eleganter coloriftifcher Ausführung als mit grofsem hiftorifchen Sinne. Das fehr fleifsig gemalte Bild wirkt zunächft farbig, doch nicht charakteriftifch: die bethei­ligten Perfonen fehen mit fehr modernen Gefichtern darein und haben ein ent­fchieden opernhaftes Ausfehen. Sonft hat das Bild allerdings jene malerifchen Vorzüge, welche die bevorzugte Stelle, die ihm in dem internationalen Saale angewiefen war, rechtfertigten.

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Das Weib geliebt oder beleidigt, beglückend oder fich rächend, aber immer affectvoll und pathetifch- fchreitet mit Theaterfchritten durch die ganze italienifche Gefchichtsmalerei hindurch. So malt uns auch Lod. Stabile aus Neapel eine nicht Jedem geläufige Scene, wie Camiola Turinga aus Meffina die Hand des Prinzen Orlando von Aragon aus triftigen Gründen, die aber nicht auch mitgemalt werden können, feierlich ausfchlägt. Gegen Vaterlandsverrath, auch in früheren Zeiten verfchuldet, ift der italienifche Pinfel ftets unerbittlich; fo läfst der Neapolitaner Jac. di Chiroco den Vaterlandsverräther Buofo da Duera, an der Thüre eines Klofters hingeftreckt, ohne Weiteres noch einmal Hungers fterben. Von der bewährten Hand des Prof. Francesco Hayez war der letzte Gang des Dogen Marino Falieri ausgeftellt, ein wohl componirtes, würdig gehaltenes Bild, zugleich von fchöner coloriftifcher Wirkung. Wenn wir aus der Hohenftaufenzeit die ,, Mailänder Confuln gegenüber den Gefandten Friedrich's I." von demfelben Meifter, dann die mehr nur in äufserlichem Sinne componirte Schlacht von Bene vento von dem Neapolitaner Andrea Cefali hinzunehmen und zum Schluffe noch dem wirkfam, aber mit einem gewiffen theatralifchen Effect infcenirten Triumph­