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Bildende Kunst der Gegenwart : (Gruppe XXV) ; Bericht / von Josef Bayer und Josef Langl
Entstehung
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Die Malerei.

83 matteren Lebenskraft, der zarten Hinfälligkeit der Treibhauspflanze, auch da, wo fie fich ein kräftig ftrotzendes Ausfehen zu geben fucht.

Die Engländer fahen eben ein, dafs zum vollſtändigen geiftigen Haushalte einer Nation auch die Kunft gehöre, und als ihnen diefs klar wurde, forgten fie auch für eine folche. Bezeichnend fcheint mir diefs, dafs fie dort mehr nur Aus­drucksmittel für Stimmungen und Gefinnungen ift, die in einem andern Boden, als in der Welt des Ateliers wurzeln. William Hogarth war zunächft Moralift und fcharfer Beobachter der Menfchen, für deren Thorheiten und Verirrungen er den echt englifchen Scharfblick pfychologifcher Beobachtung befafs, und diefen Ten­denzen lieh er feine Radirnadel und feinen Pinfel. Der englifche Familienfinn infpirirt die Malerei für die Kinderbilder und gibt ihnen, wie dem Mafter Lamb­ton" von Lawrence etwas fo Liebliches, Zartgepflegtes, beinahe Verwöhntes. Das gefchärfte Intereffe für alles Individuelle und Perfönliche läfst das Porträt in England gedeihen, wohl aber auch als burlesken Begleiter deffelben die Cari­catur. Mit der Jagdliebe und dem Sport der Pferderennen hängt all das feit Edwin Landfeer gemalte Wild und die zahllofen Preispferde zufammen, die in folcher Ueberfülle nur den Engländer allein nicht langweilen.

Der fcharfe Beobachtungsfinn verweift die englifche Malerei auf die rea­liftifche Richtung. Wenn ein Engländer ausnahmsweife im Idealismus macht und akademifirt, dann geräth er faft unfehlbar ins Leere und Oede, in eine ſchul­gerechte Kälte und Förmlichkeit hinein, von der z. B. Benjamin Weft in feinen Bildern aus der claffifchen Gefchichte und Mythe bedenkliche Beiſpiele lieferte. Aber Realismus ift für die Bezeichnung einer ganzen nationalen Kunſtweife ein zu vages Wort. Ift nicht die belgifche, die holländifche Malerei, die neue Münchner Schule unter Piloty's Einflufs, die düffeldorfifche Pflege des Genrefaches eben­falls realiftifch? Und welche Verfchiedenheiten treten uns da entgegen, für die nur eine ganz fcharfe Charakteriſtik das zutreffende Wort findet. Der englifche Realismus drückt in der Malerei fowohl als in der Dichtung, namentlich in der Schilderung des Romanes, das echt germanifche Princip des Individualismus in höchfter Potenz aus. Sowohl der Realift wie der Idealift kann uns Typen geben, das heifst, die Erfcheinungen mehr zufammenfaffend und dem allgemeinen Ein­druck nach darftellen. Die englifche Kunft gibt uns da, wo fie fich am stärksten zeigt, nur das Eigengeartete, fcharf Significante wieder; fie fafst das Individuum an jener Stelle, wo es am individuellften ift, ohne Sorge dafür, wie es fich dann repräfentiren möge. So find auch die englifchen Maler vor Allem Charakteriſtiker, und felbft wo fich der Humor und die komifche Richtung einftellt, da ftammt fie durchaus aus derfelben Quelle. Ihre Darftellung geht nicht mit directer Tendenz auf das Komifche los, fondern diefes findet fich ungefucht ein, fobald es durch das Charakteriftifche an die Oberfläche herausgetrieben wird. Diefer prononcirte Individualismus geht durch alle Gattungen, durch die Menfchen- fowie die Thier­darftellung. Der englifche Köter im Bilde ift ein höchft perfönlicher Hund; und auch fonft fieht das englifche Auge die Thierwelt pfychologiſch auf das individuel! Unterfcheidende an, während anderswo das gemalte Vieh oft nur ganz generelles Vieh ift. Die Thierbilder des fchon früher erwähnten Landfeer, fein Hund des Lords und des Portiers, feine damenhaft coketten Meerkatzen u. f. w. find bekannt genug; doch um einen näherliegenden Beleg zu nennen, bieten für das eben Bemerkte die beiden prachtvollen Hunde desfelben Malers, die ihm auf feinem Selbftporträt als freundfchaftliche Kritiker in die Mappe gucken, ein ganz emi­nentes Beiſpiel, das uns von der Weltausstellung her zunächft geläufig ift.

Doch das eben Bemerkte bedarf der Einfchränkung, um als richtig zu gelten. Der Tendenz auf das icharf Bezeichnende und Charakteriftifche tritt eine andere Richtung entgegen, welche fie ebenfo häufig kreuzt und hemmt. Sie ftammt aus dem ftark entwickelten Convenienz- und Schicklichkeitsgefühl der englifchen Gefellſchaft, welches auch bedingend auf die Kunft und ihre fpontanen Triebe wirkt. Mehr als anderswo fteht diefelbe in England unter der gefellſchaftlichen

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