50
J. Langl.
mit 9 bis 10 Jahren in den Anftalten zu zeichnen, und zwar Freihand- und Linearzeichnen als ganz getrennte Fächer. Es entfallen dadurch im Freihandzeichnen die Vorübungen in den geometrifchen Formen und wird, wie fchon erwähnt, fogleich auf das rythmifche Ornament losgefteuert. Die zumeift in Verwendung ftehenden Vorlagen find die bereits genannten von P. Victoris und Athanas; auch zum Theile noch von J. Carot. Die betreffende Zeichnung wird von dem Lehrer grofs auf der Tafel vorgezeichnet und erklärt; jeder Schüler( bei gröfserer Anzahl auch je zwei) hat dasfelbe Original als lithographirte Vorlage vor fich in derfelben Ausführung wie die Zeichnung erfcheinen foll. Die Schüler zeichnen allerorts auf leichtgetontem Papier mit Kohle und corrigiren durch Wegwifchen( mit Feuerfchwamm oder Tuch) die Formen fo lange, bis fie richtig erfcheinen; dann folgt die Ausführung in Kreide oder auch in Bleiftift. Die vorgelegten Schülerarbeiten zeigten auf diefem Wege oft ganz überraschende Erfolge und find davon jene der école de St. Sulpice( Paris) und St. Michael( Havre) befonders hervorzuheben. Durch die Methode, das plaftifche Ornament nach der Vorlage zu üben, ift der Uebergang zum Gypszeichnen ein viel leichterer, als von den bei uns allenthalben eingeführten Contour-( Feder-) Ornamenten. In den zahlreichen, mit den elementaren Unterrichtsanftalten verbundenen Penfionaten in Frankreich, die befonders in den Provinzftädten vielfach von den„ frères" beftellt find und fich oft Schüler bis zum Alter von 14 bis 16 Jahren befinden, wird das Natur-( Gyps-) Zeichnen meift mit den beften Erfolgen betrieben. Die Modelle gehören im Ornamente faft ausfchliesslich der Renaiffance und im Figuralen der Antike an.
Von den maffenhaft vorgelegten Portefeuillen aus den verfchiedenen Unterrichtsanftalten in der Provinz zeigten leider nur wenige einen fyftematifchen Lehrgang; es fanden fich meift nur ausgewählte Schauftücke von bevorzugteren. Schülern, die mitunter allerdings unfere Bewunderung in Anfpruch nahmen, aber für den eigentlichen Zweck der Ausftellung wenig mafsgebend waren. Nur das konnte aus Allem conftatirt werden, dafs jeder Lehrer fein ihm befonders zufagendes Genre, pflegt und ein einheitliches Princip im Allgemeinen nicht durchgeführt ift. In der Regel culminirt der Zeichenunterricht an den genannten Anftalten blofs in der virtuofen Mache, und artet, da ihm pofitive Ziele ferne liegen, auch oft in leeren Dilettantismus aus. So werden beiſpielsweife in der école communale in Marſeille neben den verwerflichen grofsen Julien-( Kreide-) Köpfen, faft ausfchliefslich Heiligenbilder nach fchlechten Lithographien gezeichnet; in dem Penfionat St. Jofef zu Beauregard- Thionville nebft Ornamenten, Figuren und Landfchaften, aus welchen erfichtlich war, dafs das Zeichnen dafelbft nur zur Unterhaltung dient. In Befançon wird wieder die Kohlenlandfchaft geübt etc.;- dagegen brachte das Penfionat zu Touloufe einen ziemlich fyftematiſch zufammengeftellten Lehrgang von den einfachften geometrifchen Formen an bis zum frei entwickelten Ornamente. Gute Gypszeichnungen fanden fich in den Mappen der Anftalten von Moulins, Rouen und Clermont, wo auch nach den neueren Vorlagewerken mit Erfolg gearbeitet wird. In den bedeutenderen Städten find mit den meiften diefer Anftalten auch Abendcurfe verbunden, die von Gewerbetreibenden befucht werden und an welchen das Zeichnen demgemäfs mehr fachlich betrieben wird. Vorzügliches wird in diefen Curfen im conftructiven Zeichnen geleiftet, wie überhaupt das Linearzeichnen fchon in den unteren Unterrichtsanftalten gut gepflegt wird; aber auch im freien Zeichnen lagen fehr lobenswerthe Arbeiten vor. Wir heben hier nur die der Schulen St. Auguftin und St. Etienne du Mont ( Paris) hervor. Ausgezeichnete Zeichnungen nach Gyps hatten die Schulen von Reims und Befançon vorgelegt. Wir kommen damit wohl fchon auf das Gebiet der Specialfchulen, in welchen bekanntlich das Zeichnen in Frankreich am meiften florirt; vorerft haben wir aber nur noch einen Blick auf die höheren Volksfchulen, die Lyceen( die écoles fecundaires überhaupt) zu werfen, an welchen der Zeichenunterricht weniger fachlich, als vielmehr allgemein bildend betrieben
werden foll.