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J. Langl.
Zur Ueberwachung des Zeichenunterrichtes find( für das Departement Seine) nach der Organiſation vom Jahre 1865( Artikel 2) zwei Infpectoren ernannt, welche einer Commiffion über die Thätigkeit der Lehrer zu berichten und für die Confervirung der Schulen zu forgen haben. Diefe Commiffion befteht aus fünfzehn Mitgliedern und werden alljährlich ein Drittel davon erneuert. Sie prüft die Candidaten, fchlägt die Modelle( Originale) für den Zeichenunterricht vor und entfcheidet über Reglements, Methoden, Programme etc., welche das Zeichnen in den verfchiedenen Schulen betreffen. Der Dienft der Infpectoren wurde in vier Artikeln im Jahre 1870 von den Präfecten Henri Chevreau genauer präcifirt und in einem Circular des jetzigen Directors de l'enfeignement Gréard weiter betont, dafs jede Zeichenfchule des Departements im Jahre mindeſtens zweimal infpicirt werde und dem Präfecten genaue Berichte zu erftatten feien.
Die Sorgfalt und Opferwilligkeit, mit welcher in Frankreich der Zeichenunterricht gepflegt wird, gilt wohl ausfchliesslich noch der Induftrie, die ja dafür bisher dem Lande die reichften Zinfen eintrug.* Dafs aber auch die Kunft, welche dort ftets mehr als den Deutfchen dem Kunftgewerbe dienend zur Seite ftand, von der Regierung als wichtiger Factor für die Induftrie erkannt wird, belehrte wohl ein Spaziergang durch die Kunfthalle. Nahe zwei Dritttheile der 1024 Nummern von Gemälden und plaftifchen Werken trug im Kataloge den Satz„ Appartient à l'Etat". Die Millionen, die dafür ausgegeben wurden, floffen auf anderen Seiten wieder reichlichft dem Staate zurück und es wäre diefe Politik Frankreichs in der Kunft anderen Staaten nur zu empfehlen. Der Lorber ziere nicht allein das Schwert, fondern auch die Leier einer Nation, und dafs die Kunft von Oben herab gepflegt werden mufs, ward uns fchon im claffifchen Alterthume bewiefen; nur verfäume man nicht, fowie zu jener Zeit, auch das Volk zum Verſtändniffe dafür zu erziehen ein Punkt, welcher in Frankreich ebenfo noch feiner Löfung wartet, wie bei uns.
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Italien.
Es gibt wenig Zweige in der Kunftinduftrie, deren Urfprung und erfte Blüthe nicht auf italienifchem Boden zu fuchen wäre. Der Umfchwung, welcher im Cinquecento fich bezüglich der Kunft in diefem Lande vollzog, fand auch gleichzeitig im Kunft- Handwerke ftatt; wie dort die Geftalten plötzlich zum Leben erwachten, fo löfte fich hier das Ornament aus feiner ftrengen Architektur, fprofs in einer Fülle von Leben auf und entwickelte in den Formen und Motiven einen Reichthum und eine Mannigfaltigkeit, dafs jene an fich felbft nach der Paufe, die durch die Barockzeit in die reinen Kunftbeftrebungen eintrat, der neueren Induſtrie eine unerfchöpfliche Quelle wurden. Die italienifche Induftrie Ausstellung zeigte fo recht, welchen Einflufs gute Vorbilder auf die Entwicklung des Formenwefens in der Kunftinduftrie zu nehmen im Stande find.
Italien gleicht ja fo zu fagen heute einem Muſeum von Denkmälern aller Kunftzweige, die eben vor wenigen Jahrhunderten auf diefem Boden ihre höchften Triumphe feierten. Im fteten Hinblick auf diefe Herrlichkeiten ift es nicht möglich, dafs die Induftrie die alten, edlen Traditionen verlaffen kann; fie baut fort, benützt die vorhandenen Motive und verpflanzt fie wie der Gärtner feine Blumen in den verfchiedenartigften Compofitionen zur Decoration der Objecte, was fchliesslich zur Selbfterfindung im Geifte der Alten führt.
Aus der Renaiffance haben fich aber auch nebft den Formen die verfchiedenen Techniken fortgeerbt, und Italien fteht in gewiffen Zweigen der Kunft darin noch heute unübertroffen da. Der Geift des Ornamentes hat fich aus jener Glanzperiode ungetrübt in der Induftrie vererbt; in der Figur, der eigentlich
* Die Verkehrslifte zeigte im Jahre 1851 1300 Millionen Francs, im Jahre 1869 4000 Millionen Francs, wovon faft die Hälfte der Luxusinduftrie gehörte.