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Der Zeichen- und Kunstunterricht / von J. Langl
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Der Zeichen- und Kunftunterricht.

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Kunftunterricht feinen Einfluss geltend macht. Neben diefen Anftalten beftehen dann noch zahlreiche Abendcurfe für Gewerbetreibende, welche ebenfalls in den angedeuteten Intentionen eingerichtet find.*

Es find nun zwei Jahrzehnte verfloffen, feit diefe Bewegung in England begonnen und mit vielem Intereffe wurde auf den Weltausftellungen die Wand­lung in der englifchen Kunftinduftrie in Bezug auf Veredlung des Stiles verfolgt. Mit grofser Spannung wartete man ihrer auch auf der Wiener Ausftellung und hoffte, dafs gerade in Hinficht auf den kunftinduftriellen Unterricht ein intereffantes Bild fich entrollen werde. Die Hoffnungen wurden nach diefer Richtung getäuscht. England hatte diefsmal das Hauptgewicht auf die Repräfentation feiner Colonien gelegt; es entfaltete feine afiatifchen Reichthümer, die heimifche Induftrie war lückenhaft, der Unterricht äufserft flau vertreten. Aufser einigen Schülerarbeiten der Kenfington- Schule und einigen Publicationen diefes Inftitutes war weiter nichts vorhanden. Es mufste befremden, dafs ein Land, von welchem doch die Idee zu Weltausftellungen zuerft ausgegangen ift, gerade das hochwichtige Capitel über den Kunftunterricht, dem es feine heutige Stellung in der Induftrie gegenüber den anderen Staaten verdankt, geradezu ignorirte. Dafs der Einfluss der englifchen Kunftfchulen auf das Formenwefen feit zwanzig Jahren von gröfster Bedeutung war, hat jedermann wahrgenommen; doch haben noch keineswegs die ursprüng­lichen Tendenzen ihre Ziele erreicht und dürfen, wenn wir in der englifchen Kunftinduftrie die Erfolge des Kunftunterrichtes lefen, die Schulen noch nicht auf ihren Lorbeeren ruhen. Der Gefchmack hat fich entfchieden veredelt, die Formen find durchwegs kunftgemäfs, ftilvoller geworden, bewegen fich aber weit­aus noch in keinem einheitlichen Geleife, fondern laufen vielmehr in allen Stilen, nach allen Richtungen auseinander. Einen felbftftändigen Weg hat die englifche Kunft vielleicht nur in der Flächendecoration eingefchlagen; dort find die Formen einheitlich, modern ftilvoll, fie bleiben es auch noch an den Möbeln, wo das poly­chrome Flächenornament Eingang gefunden hat; aber in den Silberwaaren, Broncen, Fayencen und Majoliken wird die gefammte Kunftgefchichte vom alten Indien an bis herauf in die Barockzeit illuftrirt.- Bei letzteren Induftriezweigen fordert denn freilich die hiftorifche Technik auch meift den hiftorifchen Stil, da ja in der Regel mehr den Amateurs als dem kunftgemässen Gefchmack Rechnung getragen wird. Die Hauptaufgabe der wiffenfchaftlichen Leitung des Kunft. unterrichtes in England dürfte aber in der Zukunft fein, diefer Zerfplitterung der Stilrichtung zu fteuern und die Imitation in die Wege des felbftftändigen Schaffens zu lenken. Ob jedoch England es je erreichen wird, in der Kunft und Kunftinduftrie in Bezug auf das Technifche im Künftlerifchen allfeitig eine ton­angebende Rolle zu fpielen, ift noch eine Frage der Zeit. Darin find die Franzofen und Deutfchen heute weit voraus, und darf es nicht Wunder nehmen, wenn z. B. die fchönften Erzeugniffe einer Firma Minton" von franzöfifchen und deutfchen Künftlern herrühren. Die englifche Nation ift wohl eine kunftfinnige, aber im Grofsen und Ganzen wenig kunftbegabte, das konnte jeder Unbefangene wieder in der Kunsthalle wahrnehmen; und in einem Lande, wo die eigentliche Kunft nicht tonangebend ift, bleibt es ftets problematifch, ob die Kunstinduftrie felbftftändig fich zur höchften Stufe emporfchwingen kann.

Das Formenwefen liegt in England, trotz aller Erfolge, noch in der Gährung und dürfte wohl fpäter, wenn fich die Klärung vollzogen haben wird, fich ein Urtheil über den Apparat des Kunftunterrichtes fällen laffen, welcher mit den beften Intentionen ins Werk gefetzt wurde.

Wenn wir nun einen Blick auf die Ausftellung der Kenfington- Schule werfen, fo finden wir für alle Zweige der Kunftinduftrie nette, ftilvolle Arbeiten, die

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* Die Organiſation der Muſeen und des Kunftunterrichtes in England wurde fchon in den öfterreichischen Weltausstellungs- Berichten von 1862 und 1867 ausführlich behandelt. umfaffende Darftellung der Verhältniffe bietet Dr. Hermann Schwabe ,, Die Förderung der Kunft­induftrie in England etc." Berlin 1866.

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