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An Negrelli.
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Leipzig, 26. Juni 1848.
Verehrtester Herr und Freund!
Allerdings bin ich großer Saumseligkeit schuldig, Ihre freundlichen Buschriften vom März und April nicht sofort beantwortet zu haben. Ich hoffe, Sie werden mein Stillschweigen nicht als Mangel an Teilnahme an dem freudigen Ereignis auslegen, welches Sie mir mitteilten; ich bin selbst Vater und weiß solche Freuden mitzufühlen; aber die Ereignisse in nah und fern haben sich so überstürzt, daß ich oft nicht im Stande war, andere Gedanken zu fassen als diejenigen, welche die augenblicklichen Verhältnisse eingeben und eben dem Sturm des Augenblickes zu begegnen.
Im Geschäft habe ich das Glück gehabt, durch keine anderen Derluste getroffen zu werden, als diejenigen, denen kein Besitzender entgeht, nämlich die teilweise Entwertung alles Eigentums, worin man sein Vermögen angelegt hat; man kann gewiß annehmen, daß die Entwertung wenigstens 25 bis 3313% des Vermögensbestandes auch der vorsichtigsten Leute betrifft, dieser Verlust würde mir aber keine unruhige Stunde verursachen, willig würde ich auch größere Opfer bringen, wenn es das Wohl des Vaterlandes erheischen sollte; leider darf man aber nicht hoffen, aus einer Krisis wie die gegenwärtige mit Geldopfern allein durchzukommen. Unsere Zustände sind zu gründlich unterwühlt, um ohne fernere große Erschütterungen in ein geregeltes Geleise zurückgeleitet werden zu können. Seit Jahren habe ich in meinem engeren Vaterlande Sachsen, für Preßfreiheit, öffentliches Gerichtsverfahren, freies Associations- Recht etc. gekämpft; nun regnen an einem schönen Morgen alle diese Freiheiten mit nie geahnter Schnelligkeit und in nie geahnten Maaße auf uns herab! sollte man nun nicht erwarten, die Menschen würden die so lange ersehnten Rechte nun in Frieden genießen nein! die unsinnigen Menschen wühlen nun noch ärger fort als zur 3eit, wo ihnen alles versagt blieb und sehen die ganze mit schweren Opfern erlangten Freiheiten aufs Spiel, indem sie entweder die Anarchie oder einen in seinen Folgen unabsehbaren europäischen Krieg herbeiführen, dessen Ende aber wahrscheinlich sein wird, einen ehrgeizigen Despoten heranzurufen, der mit eiserner Faust die Ordnung wiederherstellen, die Freiheit aber begraben wird.
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