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Ins innerste Afrika : Bericht über den Verlauf der deutschen wissenschaftlichen Zentral-Afrika-Expedition 1907 - 1908 / von Adolf Friedrich Herzog zu Mecklenburg
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die zu überwachenden Strecken sind sehr lang und ziehen sich durch fieber- reiche, meilenweite Sümpfe hin. Das zwingt die Beamten dauernd zu strapaziösen Reisen, um die durch Elefanten oder anderehöhere Gewalten" verursachten Beschädigungen der Leitung baldmöglichst auszubessern.

Um 23. Mai passierten wir die Mündung des Kasai, dessen Erforschung mit dem Namen Hermann von Mßmanns so eng verknüpft ist. Er ist der mächtigste linke Zufluß des Kongo. Seine gewaltigen lDassermassen geben letzterem streckenweit rötlichbraune Färbung. Der Strom erschließt wirt­schaftlich höchst wertvolle Bezirke im Süden des Staates. Gleich nach der Kasai-Mündung verengert sich der vorher 78 kin breite Rongo um mehr als die Hälfte. Er bildet hier den sogenanntenThenal", ein sich bis zum Stanley-Pool hin erstreckendes, in hohe Ufer eingeschnittenes, schmales und wenig gewundenes Flußbett. Landschaftlich ist dieser Teil des Rongo wohl der schönste zwischen Basoko und Leopoldville. Die Ufer erreichen hier eine Höhe wie nie zuvor und riefen mit ihren sanft gerundeten Kuppen Kiwu- Erinnerungen in uns wach. Nur das rechte User ist noch bewaldet. Das linke bedeckt Baumsteppe, unterbrochen von kleinen Borassuspalmenwäldern.

Um Morgen des 24. kreuzten wir den Stanley-Pool, jenes mehr als 200 Geviertkilometer große Becken, das die lDassermassen des Kongo kurz vor ihrem Durchbruch durch das westafrikanische Randgebirge aufnimmt. Dichter Nebel lag aus dem Wasser und zwang uns wieder einmal zu stunden­langem Stillliegen. Rls die Sonne endlich durchbrach, leuchteten in der Ferne die weißen Gebäude Vrazzavilles vom nördlichen und Leopoldvilles vom süd­lichen Gestade zu uns herüber. Ich wollte die Gelegenheit, die Hauptstadt einer französischen Kolonie kennen zu lernen, nicht versäumen und hatte des­halb schon Tags vorher dem Gouverneurs des Kongo franyais, der in Brazza- ville residiert, unsere Rnkunst angekündigt. Die Stadt liegt, vom Flusse aus gesehen, sehr hübsch auf ziemlich hohem, reich mit Bäumen und Gärten be­wachsenem Ufer. Line saubere, gewundene Straße führt vom Flusse hinauf zu dem inmitten grüner Anlagen gelegenen hübschen Gouvernements­palais, wohin uns zwei zu unserem Empfang erschienene Beamte geleiteten. Nach Vorstellung der dort versammelten Spitzen der Behörden traten wir einen kurzen Rundgang zur Besichtigung des Hospitals, der Schule, Kaserne und anderen Baulichkeiten an, der uns einen sehr günstigen Eindruck fran­zösischer Kolonialarbeit hinterließ. Da die Zeit drängte, verließen wir nach

') Der offizielle Titel lautet: Lommi 85 aire general.