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11. August 1904 stattfinden sollte, im Lager erwartete. Unsere Kompagnie war vorgeschoben. Der ganze Hererostamm lag um Waterberg in verschiedenen Werften verteilt — mit Tausenden von Kriegern — mit Frauen, Kindern und zahlreichem Vieh. „Nach Waterberg- Station reiten, das heißt, den Kopf in den Rachen des Löwen stecken", meinte einer meiner Kameraden; „bei der Gelegenheit werden wir am Ende noch mit dem Kirri chloroformiert!" — „Ein schöner Tod, besonders wenn Männer und Weiber die Sache noch etwas in die Länge ziehen!" meinte ein anderer mit einem gewissen Galgenhumor. „Na, lebendig kriegen sie mich nicht, die letzte Kugel spare ich mir auf — für mich!"
Das waren so Nebelbilder, die mitunter auftauchten. Aber ebenso schnell waren sie verschwunden, wenn die Pferde sich in Trab setzten, dem Feinde entgegen. So war's auch heute, am 9. August 1904. Wir hatten ausgesuchte Pferde, gute Afrikaner — das gibt Sicherheit.
Unser Hauptmann begleitete uns mit zwei Unteroffizieren bis Otjosongombe. Dann noch ein „guter Ritt!", und er bestieg eine Anhöhe am Waterberge, um unser Weiter- reiten noch zu beobachten, während wir die Wasserstelle und den zwei Meter breiten Bach mit hohen Rändern passierten. Schon am Bache fanden wir Tausende von frischen Spuren von Vieh und Menschen. Nirgends aber sahen wir lebende Wesen. „Damaras bring' die Beester an die Water", sagte einer unserer beiden eingeborenen Soldaten. Ja, das sahen wir. Wir wußten auch, sie würden wiederkommen. Aber wir trabten weiter. Kurz vor Station Waterberg stießen wir auf Vieh. Wir hielten, lauschten. Nichts Auffälliges zu bemerken. „Wo sind die Hereros?" fragte ich. Der Eingeborene zeigte auf die Dornbüsche: „Als uns die Beester hat, soll die Damara nett's kiet." Wir ritten weiter, um auf einem Umwege aus dieser Ecke wieder herauszukommen. Da plötzlich wird Vieh vor uns über die Pad getrieben — und rechts von uns brüllte auch Vieh. Was jetzt? „Nach rechts in den Busch!" meint der Leutnant. „Das geht nicht, Herr Leutnant!" sage ich, denn ich war doch schon ein Paar Jahre in Afrika und hatte schon viele Gefechte mitgemacht, der Leutnant war aber noch Neuling. Da schreien auch schon links auf dem 800 Meter entfernten Plateau des Waterberges die Hereros, die uns gesehen haben. Sie rufen die Krieger herbei, zeigen auf die deutsche Patrouille. Wären wir rechts in den Busch geritten, wären wir schon totgeschlagen. Jetzt — kurze Beratschlagung — dann — Entschluß. Das Gewehr aus dem Schuh, dem Pferde auf den Hals gelegt, und dann die Sporen in die Flanken und in langem Galopp zum Wege, den wir gekommen waren, mitten durch das Vieh. Das stäubt auseinander — die Treiber brüllen, einzelne Schüsse fallen. Aber wir vorwärts, was die Pferde laufen können. Dann kommt der Bach — noch ist er frei vom Vieh. Wird er von Kriegern besetzt sein, von einer Viehwache? Das ist jetzt egal — hinüber müssen wir.
Jetzt noch einmal die Sporen, und in langem Sprunge sind wir drüben — aus der Mausefalle heraus. Langsamer geht's weiter — die Pferde waren ja blödsinnig gehetzt. Kein Schuß fällt hinter uns. Als wir nach einiger Zeit die Kompagnie erreichen, will sie eben abmarschieren, um uns herauszuhauen. Der Hauptmann hatte vom Plateau aus beobachtet, daß die Hereros mit dem Vieh an den Bach kamen und uns den Rückweg abschnitten. Er selbst war auch schon bemerkt und hatte kaum noch vom Plateau zu seinem Pferde gelangen können, um dann im Galopp zur Kompagnie zu jagen. Wir waren schon verloren geglaubt und nun freudig begrüßt. Am Nachmittage wurden wir durch die Kompagnie Solms abgelöst und ritten ins Lager zurück.
Rudolf Arendt,
Sergeant der 4. Kompagnie 1. Feldregiments.
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