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orientieren, streckte ihn eine Kugel, die sein Gehirn durchbohrte, zu Boden. Nun war alle Hoffnung verloren! Als ich mich umsah, um mit meinen übrigen Kameraden zu beratschlagen, bemerkte ich nur noch, außer zwei stöhnenden Verwundeten, meinen Nebenmann (Gefreiter Moser). Sein letztes Wort war: „Es ist vorbei!" In diesem Augenblick gewahrte ich hinter mir drei schwarze Gegner mit erhobenen Kolben auf uns losstürmen. Unter den Hieben erlag mein letzter Kamerad. Mein Gewehr erfassend, rannte ich durch die feindliche Schützenlinie. Mit Kugeln überschüttet, traf mich ein Schuß in den rechten Oberarm. Mein Gewehr entflog mir in großem Bogen. Gleich darauf brach ich hinter einem Busch zusammen. In dem Augenblick erreichte mich einer der Wilden, lud sein Gewehr und zielte bei einer Distanz von drei Schritt auf meinen Kopf. Mein ganzes Leben ging mir nochmals durch mein Gehirn.
Da-noch ehe der Todesschuß abgegeben war, wurde ich von hinten gepackt, das Gewehr
senkte sich, und in kurzer Zeit war ich meiner Kleider beraubt. Und weiter ging es dann, nicht
meinem Wunsche gemäß ans Wasser, sondern vorbei an unserm geliebten Herrn Leutnant Schmidt, der gestern sein Leben, durch eine Kugel durch die tapfere Brust, dem Vaterlands geopfert hatte und entkleidet am Boden lag. — Dann eine Anhöhe hinauf zu dem berühmten Eingcborencn- hänptling Jakob Morenga.
Ermüdet ließ ich mich auf einen Stein nieder, umschwärmt von Männern, Frauen und Kindern, welche spotteten und sich über mich lustig machten. Erstaunt erblickte ich zwei unserer eingeborenen Soldaten, die auch die Gefangenen ihrer Stammesgenossen waren. Es machte mich einer auf den Führer Morenga aufmerksam, der stolz auf mich zuschritt, mich von allen Seiten besah und mich fragte, ob ich Hunger oder Durst hätte. Indem ich Hunger verneinte, ließ er mir Wasser bringen, woran ich mich erquickte. Gleich darauf verschwand er mit etwa 25 Reitern, von welchen wenige wieder zurückkamen; denn durch einen gutgezielten Schuß des alten 73er Geschützes, mit welchem unser Herr Hauptmann den Weg nach der Station Warmbad versperrte, hatten viele ihr Leben einbüßen müssen.
Als ich eine geraume Zeit gesessen hatte, fragte ich einen unserer schwarzen Soldaten, ob ich gehen könnte. Dieser riet mir dazu. Ich verlangte meine Stiefel, welche er mir brachte, jedoch ohne Schäfte. Er band mir ein Tuch zum Schutz gegen die Sonne um den Kopf und gab mir eine gefüllte Feldflasche. So machte ich mich auf den Weg nach Warmbad, welches ich im Sande und brennender Sonne in fünf Stunden erreichte. Dort angekommen, sank ich, halbverblutet, in der Kirche, welche uns zur Zeit als Quartier diente, nieder, bis ein Sanitäts- unterofsizier mich auffand, mir einen Notverband anlegte und mich nach der Station bringen ließ. Nachdem ich von dem jüngsten traurigen Ereignis Bericht erstattet hatte, holte man die sterblichen Überreste unserer ehrenvoll Gefallenen nach der Station und bestattete sie mit militärischen Ehren auf dem Friedhof zu Warmbad in zwei nebeneinander liegenden Gräbern. Ehre dem Andenken unserer tapferen Führer und treuen Kameraden! Von der 9. Kompagnie 2. Regiments blieben tot oder verwundet außer den beiden Offizieren und einschließlich der Gebliebenen von den Patrouillen der Unteroffiziere Nickel und Wannemacher und des
Netter Hermann Heinz.