112
dem gerade dort ziemlich dichten Gebüsch. Pferde und Vieh ließen sie stehen. Nachdem ohne erkennbaren Erfolg das Feuergefecht etwa eine Stunde geführt war, bekam ich vom Kompagnieführer folgenden Befehl: „Gehen Sie mit Ihrem Zuge flußabwärts. Suchen Sie sich eine zum Abstieg geeignete Stelle, und treiben Sie das Vieh fort!" Mit 16 Gewehren machte ich mich auf. Um die Leute gegen das Feuer aus dem Flußlauf zu decken, ließ ich sie so weit davon ab marschieren, daß sie nicht mehr gesehen werden konnten. Ich selbst ging, nach einer Abstiegstelle spähend, dicht am Fluß entlang. Wir mochten ungefähr 200 bis 300 Schritt gegangen sein, als wir plötzlich von rechts auf ganz nahe Entfernung Feuer bekamen. Die Leute warfen sich hin, wo sie gerade waren, und so kam es, daß ich mich etwa 50 Schritt hinter der Schützenlinie befand. Der Entschluß aufzuspringen und nach vorne zu laufen, während die Kugeln ringsherum Pfiffen, ist mir — ich kann es nicht leugnen — schwer gefallen. Vorn angekommen, konnte ich sogleich übersehen, daß die Hottentotten uns weit überlegen waren. Ihre Schützenlinie war viel länger als die unsrige. Man hörte dies am Knallen der Schüsse, und man sah auch hin und wieder die Rauchwolke einer „Paviansplautze" weit rechts und links von unseren Flügeln. Ich faßte deshalb den Entschluß, auf die Kompagnie zurückzugehen. Als ich sagte: „Freiwilliger zur Meldung an die Kompagnie!" wollte trotz der Gefährlichkeit des Auftrages jeder die Meldung bringen. Der ganze Zug stützte die Gewehre auf und sah mich an. Von der nun gänzlich veränderten Gefechtslage gab ich dem Kompagnieführer durch mündliche Meldung Nachricht. Das Zurückgehen der Kompagnie ließ ich in der Weise ausführen, daß ich die Leute immer einzeln, vom linken Flügel auf den rechten, laufen ließ. Aber weit kamen wir nicht; denn bald wurde ein Mann auf dem linken Flügel verwundet, und den konnten wir doch nicht liegen lassen. Ich ließ also beide Flügel nach dem Fluß zurückbiegen, so daß wir gegen Flankenseuer halbwegs gesichert waren. Außer einer Bewegung hin und wieder hinter einem Busch oder dem Pulverdampf eines Vorderladers sah man von den Hottentotten nichts. Wohl aber hörte man sie sprechen. Um etwas mehr zu sehen, richtete ich mich auf. Ein Unteroffizier rief mir zu: „Herr Leutnant, nicht so hoch!" Da kam auch schon, gleichzeitig mit dem Aufgehen des Rauches eines Vorderladers, ungefähr 100 Meter vor mir, eine Kugel an meinem Kopf vorbeigesaust. Diesmal war's noch gut gegangen; aber ich richtete mich wieder auf und bekam, es mochte vielleicht 3 Uhr sein, von halblinks eine Kugel durch Arm und Brust. Mittlerweile war nach dem Arzt geschickt worden. Er kam sofort, trotz heftigsten Feuers, wurde aber durch einen Streifschuß über den Kopf außer Gefecht gesetzt. Mein Gedächtnis hat mich in der Zeit unmittelbar nach der Verwundung etwas verlassen. Ich weiß noch, daß ein Unteroffizier mich einige Schritte aus der Schützenlinie zog. Als es dunkel geworden war und der Mond wieder schien, kamen zwei Reiter und trugen mich nach der Stellung der Kompagnie, während die Hottentotten noch mehrfach schössen. Dort wurde ich verbunden und bekam Morphium, und dann begann der achtstündige Transport nach Gawach ab. Ich erinnere mich auch, daß ich nach meiner Verwundung sehr starken Durst verspürte, ja ich ließ mich sogar hinreißen, noch während des Gefechts um Wasser zu
Leutnant van Ovven.