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Der verhängnisvolle Kanonenschuß.
Da fiel. gegen die bestimmte Verabredung, um 6,20 Uhr ein Kanonenschuß in der Haruchasschlucht.
Der Schuß saß brillant auf 5000 Meter direkt mitten in der Werft — aber uns war das Konzept verdorben. Die Umzingelung war noch nicht beendet. Ich hatte mich eben noch mit dem kühnen Gedanken getragen: „Wenn die 2. Ersatzkompagnie gedeckt und unbemerkt herumkommt. dann braucht vielleicht überhaupt nicht geschossen zu werden. Dann schicke ich zu den Hottentotten hinunter, lasse ihnen unsere Stellungen zeigen und fordere sie zur bedingungslosen Übergabe auf." Mit diesem schönen Traum war es jetzt vorbei. Die 4. Kompagnie, die bereits die vordere Höhe erreicht hatte, nahm nun sehr verständigerweise sofort selbständig das Feuer gegen die aus ihren Pontoks herausstürzenden Feinde auf. Es war ein wildes Bild. das sich uns darbot. Wir hatten bisher nur einen Teil der feindlichen Werft sehen können, der oben auf dem Berge lag und der jetzt vom Geschütz unter Feuer genommen war. Wie aus einem aufgestörten Ameisenhaufen kroch es aus den Strauchhütten hervor. Ein Teil der Leute versuchte, Vieh und Pferde über die Höhe fortzutreiben, ein anderer, und zwar der größte Teil. stürzte die Schlucht abwärts. Um sich möglichst schwer sichtbar zu machen, hatten sich die meisten dunkle Decken, einzelne Ziegenfelle, umgehängt und krochen so an den Felsen entlang. Sie glaubten wohl. wir würden sie für Kleinvieh halten und dann nicht auf sie schießen. Es war mir sofort klar. daß jedermann, der den Weg die Schlucht abwärts wählte, dem Tode oder der Gefangenschaft verfallen war. Ein Mann aus meinem Stäbe (Bursche des Leutnants Nahn) war einige Schritte vorgegangen und machte plötzlich lebhafte Zeichen des Erstaunens. Ich ging zu ihm. Man konnte in die Schlucht Hinuntersehen. Dort stand eine Menge Vieh. In der Schlucht wimmelte es von Hottentotten, die im Begriff waren, das Vieh anzutreiben. Ich schickte darauf Wachtmeister Achterberg zum linken Flügel mit dem Befehl, der linke Flügelzug solle in die Schlucht hinabsteigen und sich quer vorlegen. An Leutnant von Petersdorff gab ich persönlich Befehl, dasselbe weiter oberhalb zu tun. Das alles spielte sich von 6,20 bis 6,27 oder 6,28 Uhr ab. Der Gegner hatte inzwischen in mir jedenfalls den Führer erkannt. Es pfiff mir beständig um die Ohren. Dann ging ein Schuß in den Hut. riß die Kokarde ab und streifte das Schweißleder, ohne mich selbst im geringsten zu berühren. Vielleicht hat das Gummiband den Hut ein wenig vom Kopf abgehalten.
Um 6,30 Uhr kam der Zug des Leutnants Creutzburg (37. Artillerie) eingeschwärmt. Der Zug ging zu wild vor, ein Mann lief hinter dem anderen. Alles stürzte vor und schoß in das feindliche Menschengewimmel. Ich ließ den Zug antreten, richten, auf der Grundlinie schwärmen und 20 Schritt vorgehen. Von dort hatte man 80 Meter vor sich ein graugrünes Gebüsch, in das ich viele Hottentotten hatte hineinkriechen sehen. Ich kommandierte nun selbst eine Salve dorthin. Im gleichen Augenblick, als ich „Feuer!" kommandierte und meine Pistole abfeuerte, bekam ich einen furchtbaren Schlag auf die linke Schulter, und zwar. wie mir schien, von hinten. Ich hatte mich unter der Gewalt des Schlages auf meine vier Buchstaben gesetzt, drehte mich nach links um und sah etwa zehn Schritt hinter der Schützenlinie einen Mann knien, den ich nun anbrüllte: „Was machst du Kerl da hinten? Du hast mich ja angeschossen!" Schreckensbleich antwortete der Mann: „Nein, Herr Major, ich habe überhaupt nicht geschossen." Im gleichen Augenblick war Unteroffizier Nicolaus von der Ersatzkompagnie 1a links neben mir und sagte: „Nein. Herr Major, das war ein angefeilter von vorn. Der Ausschuß ist hinten." Ich sah dann. daß allerdings vorn im Rock nur ein kleines Loch. hinten aber eine ziemliche Ausschußöffnung, die gerade an der Naht war. Lebendig, mein treuer Bursche und Begleiter auf allen Kriegspfaden, war inzwischen hinzugesprungen, und ich hörte, wie er sagte: „Donnerwetter, der Major muß von hier fort." Erst später erfuhr ich,
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