Nach der Anstrengung des Aufstiegs erschien der Marsch über die mit niedrigem Buschwerk und zahlreichen Felsstücken bedeckte Hochfläche wie ein Spaziergang. Nach längerer Zeit — sechs Stunden nach dem Verlassen der Lagerfeuer — deutete die zunehmende Größe der Steine an, daß man sich dem Südrand näherte. Noch war nichts zu sehen, aber die Spannung wuchs, und wenn der Tritt eines ermüdeten Fußes auf den Steinen sich hörbar machte, hielt man an, um zu lauschen, ob der Feind das Geräusch gehört habe. Da zeigen sich plötzlich zwei Feuer, die Bewegung stockt, der Südrand ist erreicht. Die Feuer können nicht zur eigentlichen Werft gehören, sie sind nur wenig unterhalb der Hochfläche, es sind Posten, die den Zugang decken.
Das war eine neue Prüfung der Geduld; denn die Überraschung der Werft war wieder unsicherer geworden; die lautlose Aufhebung der Posten war des Geländes und der Dunkelheit wegen unmöglich. So blieb denn nichts übrig, als das erste Morgengrauen hier oben
abzuwarten, um sich dann von den fliehenden Posten den Weg zur Werft zeigen zu lassen. Zwei Stunden lang kauerte man lautlos, in bitterkalter Nacht, hinter den Felsen. Als das erste schwache Morgenlicht die Umgebung erkennen ließ, zeigte sich, daß die Feuer verlassen waren. Schnell wurde abwärts geklettert, gedrückter Stimmung, denn wenn die Posten etwas bemerkt hatten, so war kein Erfolg mehr zu hoffen. Sandige, ausgetretene Pfade führten in vielen Windungen die Schlucht abwärts, immer zahlreicher, immer frischer wurden die Spuren. Einen Augenblick stockte man freudig überrascht, deun der Bergdamara Andreas zeigte auf Pferdespuren; das deutete auf einen wertvollen Zuwachs zum gelichteten Bestände. Wieder macht Andreas ein Zeichen, ein Herero erscheint, gebückt aufwärts, der Truppe cntgegensteigend. „Nieder! Sehen, ob mehr kommen, dann vorwärts!" Der Herero ist allein, aber vorwärts muß man jetzt, denn die Werft muß ganz nahe sein. Ein wohl- gezielter Schuß von Leutnant Erhardt streckt den Herero zu Boden, es ist das Signal zum Sturm.
Nur wenige Schritte noch, da zeigte sich hinter einem die Aussicht bisher sperrenden Felsen ein buntes Gewimmel von Menschen und Tieren, mit Geschrei und Gebrüll durch- einanderlaufend. („In Deckung! — Feuer!" kommandierte der Führer, und eine wohlgezielte Salve knattert in die Werft. Die Hereros erwidern das Feuer, hinter Felsblöcken kauernd und aus der Menge des wild durcheinanderlaufenden Viehs hervor schießend, nur mit wenigen, schlecht gezielten Schüssen. Niemand von unserer Kompagnie wurde getroffen. Zwischenbemerkung eines Mitkämpfers. D. H.) Die völlig überraschten Hereros gaben den Widerstand auf, ihr Führer Kleeghas, ein Neffe des Häuptlings Zacharias, siel durch einen Schuß des Unteroffiziers Behnert, die übrigen flohen: Pferde, Groß- und Kleinvieh und alle Habe in den Händen der Kompagnie zurücklassend. (Unteroffizier Behnert erhielt zum Andenken einen goldenen Ring mit Inschrift, den Kleeghas an seinem Finger getragen hatte. Zwischenbemerkung eines Mitkämpfers. D. H.)
Eine Zählung ergab 2 Pferde, 150 Stück Großvieh in vorzüglicher Verfassung, und etwa die doppelte Zahl Kleinvieh.
Leutnant ErdarSt.