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„Was ist denn das?" erwiderte ich: „Die schießen!" Dann Kommando: „Sämtliche Pontoks, Sättel usw. vernichten; den Gefangenen niederschießen, und in Deckung Feuer aufnehmen!" Der Gefangene fiel während der Flucht. Pontoks und Sättel gingen in Flammen auf. Ich hatte mich zunächst auf die Erde geworfen. Schließlich wurde mir die Sache bei der nun beginnenden Schießerei doch zu bunt. Ich sprang auf und warf mich hinter eine 10 Bieter nach rückwärts entfernte Klippe. Hinter dieser lagen schon der Führer und noch drei Mann. Die Klippe war ungefähr ^ Meter hoch, und vier bis fünf Meter lang. Auf einmal schlugen die Geschosse dermaßen dicht bei uns ein, daß ich sagte: „Wenn wir hier alle fünf liegen bleiben, sind wir in kurzer Zeit zusammengeschossen." Dieses einsehend, machten sich drei Mann hinter eine andere Klippe, während der Herr Oberleutnant und ich Schulter an Schulter liegen blieben. „Knittel," sagte unser Oberleutnant, „die schießen aber gut!" Darauf ich: „O ja, es geht so einigermaßen!" Um uns hagelten die Geschosse nur so. Wir bekamen von drei Seiten Feuer. Wie wir noch so liegen und schießen, schreit der Herr Oberleutnant auf einmal: „Au! Knittel, ich habe einen Schuß, ich bin verwundet!" Ich sagte noch: „So, wo denn?" Die Antwort lautete: „Im Bein." Wir riefen Sanitätsunteroffizier Rolle, derselbe kam, nahm die Knochen zusammen und sagte: „Herr Oberleutnant befehlen?" Antwort: „Der Herr Oberleutnant ist verwundet." Dann sagte unser Chef: „Kinder, laßt mich nicht liegen, nehmt mich mit!" Darauf antworteten wir: „Solange wir leben, braucht der Herr Oberleutnant keine Sorge zu haben." Nun ging die Karre los. Mit einem: „Mit Gott!" faßten wir an, und fort ging's, Schritt für Schritt. Bei jeder kleinen Erschütterung klagte der Verwundete. Ab und zu legten wir den Herrn Oberleutnant auf die Erde, und seinen Körper als Auflage benutzend, schössen wir zurück. Beim Weitergehen schrie unser Führer wieder auf: „Au! mein Rücken!" Der bedauernswerte Verwundete hatte vielleicht eine Handbreit rechts vorn Rückgrat einen zweiten Schuß bekommen. Während des Tragens kam der Reiter Abt von der 3. Kompagnie hinzu und half uns. Nach und nach kamen wir mit Gottes Hilfe an den Oranje. Von dort schickte mich der Herr Oberleutnant nach der englischen Station, um für ihn Hilfe zu holen. Ich gab mein Gewehr ab und segelte los, heftig von den Bondels beschossen. Ich kam drüben gut an und bat den englischen Offizier, Kapitän Seims, um Hilfe. An meiner Rückkehr aus deutsches Gebiet wurde ich verhindert, indem mir die Kappolizei die Flinte auf die Brust setzte und sagte, ich wäre auf englischem Gebiet und dürfte am Gefecht nicht mehr teilnehmen. Der andere Teil der Patrouille kam auch nach und nach, von der Übermacht über die Grenze gedrängt, auf englischem Gebiete an. Gewehre, Patronen und Seitengewehre wurden von den Engländern abgenommen. Der Beinschuß unseres Oberleutnants war 26 Zentimeter lang (Fleischschuß). Der Schuß im Rücken war ein Querschläger und vier Zentimeter tief. Außerdem erhielt Herr Oberleutnant Böttlin noch drei Streifschüsse während des Hinaustragens. Herr Oberleutnant Böttlin kam nach der englischen Station Pella und wurde dort geheilt, Ende Januar kam derselbe wieder zurück und übernahm unsere Abteilung (die Bastards). Wir gingen zur englischen Station Namansdrift, von wo wir durch Leutnant der Reserve von Marenski geholt und mit neuen Gewehren und Munition versehen wurden. Wir hatten am 12. Dezember, 22 Mann, 150 Hottentotten gegen uns. Unsere Abteilung machte dann den Herero- und Witbooi-Orlog mit. Herr Oberleutnant Böttlin (jetzt Hauptmann) ist noch im Schutzgebiet. Sanitätsunteroffizier Rolle ging 1905 nach Deutschland als Feldwebel und ist jetzt Kassenrendaut in Massow (Pommern). Ich bin am 1. März 1907 aus der Schutztruppe ausgetreten und gehe zum Staatsdienst über.
Gustav Knittel,
ehem. Sergeant der Kaiser!. Schutztruppe f. D.-Südwestafrika, z. Zt. Bockswiese im Harz.
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